Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 21. April 1955 (Wolfach)


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z.Z. Wolfach, 21.IV.55

Abreise vermutlich Montag früh.
<Briefkopf: PROFESSOR DR. EDUARD SPRANGER
TÜBINGEN
Rümelinstr. 12>
Meine geliebte Freundin!
Wie Du inzwischen wohl schon bemerkt hast, sind wir direkt über Offenburg nach Wolfach weitergefahren. Dein lieber Kartenbrief ist mir aber mit der gesamten übrigen Post von Tübingen nachgesandt worden. Es ist merkwürdig, daß alle Besuche immer an 1 Tag zusammenkommen müssen. Ist diese Gisela Gaßner nicht überhaupt häufiger als nötig ist?
Die Unterbringung in einem – nicht billigen – Schlafkäfig in Kronberg und der entsetzlich kalte Wind hat den sonst guten Aufenthalt dort beeinträchtigt. Ich habe mir auch durch Erkältung eine Darmstörung für 1 Tag geholt. Die "Situation" ergab nichts Neues. Christiane muß eben zunächst die 5 Volksschulklasse durchmachen.x) [li. Rand] x) Ich habe aber bei dem mir bekannten Gymnasialdirektor Majer-Leonhard in Königstein schon Stimmung gemacht, auch dem [re. Rand] Minister meine nach wie vor abweichende Meinung geschrieben. Ich habe aber ihr eigentümliches Wesen etwas näher studiert. Diese Abneigung gegen das Rechnen und jede Prüfungsanforderung kann noch große Schwierigkeiten bringen. Andererseits ist es völlig ausgeschlossen, daß leibliche Eltern für das Kind mehr Liebe und Fürsorge aufbringen könnten als Holzhausens. Es war übrigens noch eine (etwas ältere) 2. Großnichte von uns
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| aus Münster zu Besuch da.
Hier haben wir es, abgesehen von dem andauernd kalten Wind, recht gut getroffen. Eine Wahl zwischen Hôtels gab es eigentlich nicht. Unser alter "Salmen" ist z. Z. tot. Wir haben ein wohnliches Zimmer und beste Verpflegung. Das Haus ist auch schon ziemlich belebt. Von Unternehmungen ist nicht mehr die Rede; nur mal da, mal da einen hübschen Weg bis zu 100m hinauf. Gestern Nachm. waren wir mit der Bahn in Gutach, das Dr. Bähr (aus Hornberg) eigentlich mehr empfohlen hatte. Es wäre aber für uns ganz ungeeignet gewesen. Hier in W. ist freilich ein großes Minus: der ganze Verkehr des Wolfach- und Kinzigtales geht durch die Hauptstraße hindurch. Es ist Tag und Nacht ein Hollenlärm, schlimmer als in Tüb. Grabenstr. Heute habe ich Susanne geraten, nach Alp. zu fahren, was ich nicht zweimal zu sagen brauchte. Ich habe vorm. meditiert und mich dann nach alter Gewohnheit ohne Weg "verstiegen". Nun bin ich ziemlich müde, und da ich mit Mantel im natürlich ungeheizten Zimmer schreibe, wird nicht viel daraus. Vielleicht besuchen uns am Sonntag noch Bährs hier Am Montag, spätestens Dienstag, geht es via Alpirsbach nach Hause. Heute hält der Ostwind noch an, bei dem man doch an sorgsam ausgesuchten Stellen <li. Rand> etwas im Freien sitzen kann. Ich gehe auch jetzt wieder hinaus und bitte Dich, mit diesen wenigen Zeilen vorlieb zu nehmen. Immer denke ich an unseren Parforcemarsch durchs Schabbachtal und an die 4–5 Tage <re. Rand> mit dem Moosenmättle. Ich kenne das niedliche Nest nun seit 51 Jahren. Wie anders! Eben wird ein gewaltiger "Bildungsschuppen" für die <Fuß> Schulen gebaut. Innige Wünsche u. Grüße Dein
Eduard