Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 13. Mai 1955 (Tübingen)


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Tübingen, 13 Mai 55.
Meine geliebte Freundin!
In Deinem lieben Brief deutetest Du an, daß es Dir z. Z. an Anregung fehle. Vielleicht bringt Dir die kleine Schrift, die ich Dir geschickt habe, etwas von der Art. Ich kann nicht verschweigen: ich liebe sie, mehr als andere meiner Produkte; aber ich weiß noch immer nicht, was sie eigentlich wert ist.
Unsrerseits hatten wir abwechslungsreiche, aber etwas anstrengende Tage. Am Samstag Abend fuhren wir nach Eßlingen und übernachteten dort. Am Sonntag um 11 hörten wir in Stuttgart die Rede von Thomas Mann und von Heuß. Ich kann über beide kein Urteil abgeben, weil ich akustisch (von der 4. Reihe aus) schlecht gehört habe. Das lag wohl auch an technischen Mängeln des Verstärkers; vor allem aber an meinen wachsenden physischen Mängeln. Was ich von Thomas Mann
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| verstanden habe, hat mir wider Erwarten gut gefallen.
Um 13.15 eilten wir zur Bahn, aßen wieder in Eßlingen, und es kam auch ein wenig Ruhe heraus. Um 16.30 war in Cannstatt ein großer Empfang. Bei diesem wie auch schon am Vormittag habe ich eine Menge Menschen wiedergesehen. Gleich einer der ersten war Euer Hellpach, der von der Konfusion auf dem neuen Bahnhof erzählte. Frau Petersen, Wachsmuth, Pechel, Gebhard Müller, Schenkel, Simpfendörfer u. viele andere. Um 21 waren wir zu Hause. Am nächsten Tage aber kam noch Kaffeebesuch von dem amerikanischen Prof. v. Bradish mit seiner holländischen Frau. Beide sehr angenehm. Vielleicht hat Eure Zeitung auch das Bild gebracht, auf dem er, Eberle, Frau Mann und ihr Mann in Marbach zu sehen sind.
Ist bei Euch auch schon die über das ganze Land verhängte Röntgenuntersuchung gewesen? Ich habe sie mitgemacht und bin
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| heute zur Nachuntersuchung befohlen worden. Dabei hat sich ergeben, daß beide Seiten meiner Lunge (abgesehen von der Sache 1916) nicht in Ordnung sind. Das ist auch schon 1947 von unsrem Röntegenologen Bauer behauptet worden. Der soll nun eine Privataufnahme machen. Ich habe direkt nie etwas von neuen Schüben bemerkt. Bei der ganzen Sache ist herausgekommen, was ich von Anfang befürchtet habe: ein Leiden, das mich niemals gestört hat. Und weitere werden ja nun wohl mit der gleichen nachteiligen psychischen Wirkung aufgedeckt werden.
Heute Mittag haben wir Frl. Lampert zu Besuch. Morgen Mittag wollen wir wieder nach Eßlingen fahren. Von dort will uns das Ehepaar Landenberger (Augenarzt) per Auto nach Ludwigsburg fahren. ("Das blühende Barock.") Sonntag sind wir bei dem Kollegen Schneider ("Damenschneider") zum Kaffee. Am Montag redet in unsrem Herrenklub der General Speidel.
Daß die Berliner Akademie zum Goldenen Doktor ein langes Glückwunsch
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|telegramm gesandt hat, habe ich wohl schon geschrieben.
Weil ich im Mai leider nicht kommen kann, füge ich das Angekündigte bei. Die Termine meines Kommens im Juni stehen noch nicht absolut fest. Davon hoffentlich das nächste Mal.
Morgen geht mein Ms. "Das Ende der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin" an das Bundesarchiv in Koblenz und an den Rektor der Freien Universität Berlin. Das 3. Exemplar kann ich Dir vielleicht einmal leihen.
Gleich kommt der Besuch. Also Schluß mit vielen guten Wünschen, auch für warme, sonnige Stunden auf dem Balkon. Ida, die zweite Patientin im Hause, grüßt herzlich, ebenso wie Susanne. Sei in allem recht vorsichtig und beglücke durch gutes Befinden
Deinen
Eduard.

[re. Rand] Dein Verdacht gegen Hans R. G. G. ist irrig. – Matussek hat Susanne neulich getroffen. Ich sehe ihn auch nicht.