Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 29. Mai 1955 (Tübingen)


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Tübingen, am 1. Pfingstfeiertag
1955.
Meine geliebte Freundin!
Die leidige Einkommenssteuererklärung, die schwerste Arbeit des Jahres, ist schuld daran, daß ich Dir zum heutigen Tage keinen Gruß geschickt habe, während Dein lieber Brief pünktlich eingetroffen ist. Die besagte Arbeit hat mir 3 Tage gekostet. Außerdem waren angenehme, aber natürlich Zeit erfordernde Besuche da: die Eltern von Dr. Bähr, die in Wieblingen wohnen, der Kollege Schadewaldt, der bedeutende Pädagoge Wagenschein aus Darmstadt (Bergstraßenschule) und das Ehepaar Prof. Arthur Stein aus Bern. Letztere hatten wir in dem hübsch wieder hergerichteten Bad Niedernau einquartiert. Wir mußten also am Freitag Nachmittag dorthin fahren. Auf dem Wege zum Bahnhof gerieten wir in den auch von Dir
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| erwähnten sintflutartigen Guß. Nachher war es besser. Gestern besuchten uns beide in Tübingen von 11–18, Stadtbesichtigung. Mittagessen bei uns. Das Zusammensein hat einen sympathischen Klang hinterlassen. (Er ist Sohn v. Ludwig Stein, der auch an der Berner Universität war, einem weltberühmt unerfreulichen Juden.)
Heute beende ich nun die 2. Korrektur der Jugendpsychologie (100000.), wegen der Schmeil mich schon drängt. Für die Pfingst"ferien" liegen 2 Dissertationen da. Der Dr. Drechsler will auch kommen, etc. etc.
In die abgelaufene Woche fielen drei Todesnachrichten, bzw. Begräbnisse. Wir waren bei der großen Trauerfeier des in meinem vorigen Brief erwähnten Herrn Hepper. In Frankenhausen ist Willy Landgraf gestorben. Ida war in Reutlingen bei dem Begräbnis unseres frühren Nachbarn Herrn Leuze, eines guten Menschen.
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Die Zeit verrinnt unheimlich. Die Korrespondenz ist in höchster Blüte, während die Blüte in der Natur hier etwas verkleckert ist. Seit Ludwigsburg bin ich nicht mehr herausgekommen.
Ich bin sehr froh, daß die Nachrichten von Deiner Schwester beruhigender lauten. Hoffentlich ist Ende August schon etwas im Schwarzwald frei geworden. Man muß schon im April bestellt haben, wenn man etwas Gutes haben will.
Natürlich werde ich wieder bei Rodrian wohnen. Bestellt und bestätigt ist schon. Ob ich die Abholung an der Bahn gestatten kann, muß ich mir noch überlegen. Wenn Du den Kaffeetisch so fertig machst, daß Du dann sitzen bleiben kannst, haben wir mehr davon.
Der ganze Juni scheint für mich mal wieder zu einem Reisemonat zu werden. Deshalb muß ich jetzt viel vorarbeiten.
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Nachmittag.
Wir haben den üblichen Spaziergang zu einem Kaffee an der Steinlach bei Kälte und dunklen Wolken absolviert. Jetzt scheint es besser zu werden, was ich für die Menschen wünsche, die für ihren Ausflug auf die Feiertage angewiesen sind. Aber "sommerlich" kann man die Temperatur nicht nennen, und so fürchte ich, daß Du von Deinen Balkon wenig hast. Laut wird es ja auch sein, aber kaum schlimmer als in der Rohrbacher Str. 24.
Noch einmal bitte ich Dich, Dich der Kälte gemäß einzurichten. Es wird wohl ratsam sein, einen elektrischen Ofen oder eine "Sonne" anzuschaffen. Der Mehrverbrauch an Elektrizität kann ja vergütet werden.
Alle beteiligen sich an den herzlichen Wünschen, mit denen Dich grüßt
Dein
Eduard