Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 8. Juli 1955 (Tübingen)


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<Briefkopf: PROFESSOR DR. EDUARD SPRANGER
TÜBINGEN
Rümelinstr. 12>

8. Juli 55.
Meine geliebte Freundin!
Eine Erkältung, die im ganzen Leibe drinsitzt, macht mich unlustig zu allem, also auch zum Schreiben. Ich kann Dich aber nicht warten lassen, bis das besser wird und auch sonst etwas mehr Ruhe eintritt. Diese Woche war nämlich ein wahres Ausländertreffen bei mir etc. Also gebe ich Dir wenigstens einen Bericht im Telegrammstil.
2. Juli  Eintreffen in Zürich 13 Uhr. 16 ½ Treffen mit Frau Meinecke u. Tochter Ursula in ihrem Hotel. Kaffee dort. Gemeinsame Fahrt an den See bei der Landspitze. Dort 2 Stunden auf einer Bank geplauscht, während Ursula badete. Abendessen in der "Fischstube" am See. Helles Wetter, sehr schwül. Nachts furchtbares Gewitter
3. Juli ½ 10. Noch einmal an der gleichen Stelle getroffen. Nunmehr auf Bank in dem neuen Strandbad. Kurz vor 12 Abschied.
16 Uhr bei Zollingers; er kann im Zimmer bereits gut gehen. Aber Unterhaltung kam nicht recht in Gang, vielleicht, weil sein neuer Hörapparat noch nicht gut funktioniert. Nach 18 Uhr wir allein bei furchtbaren Güssen mit der Seilbahn auf den Dolder,
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| in den gleichen Raum, wo wir einst gesessen. Gutes Abendessen. Nachts strömender Regen.
4. Juli  ½ 10 kam Stettbacher in unser Hôtel (Frau gefährlich herzkrank.) Er war sehr aufgeschlossen und das kurze Zusammensein war hübsch. 11.40 Abreise. 13.30 Aussteigen in Rottweil. Die größte Sehenswürdigkeit, die wir vor allem erstrebten, die Lorenzkapelle mit m.a. Holzplastiken, begrüßte uns mit dem Schild: "Wegen Todesfalls geschlossen!" Die andern Kirchen haben wir gesehen. – Ankunft in Tübingen 19 Uhr.
Frau Meinecke, die in diesem Jahr lebensgefährlich krank war, ist völlig unverändert, hat ungeheuer viel erzählt. Sie war eigentlich unternehmender als wir. Hanna Virchow hat eine schwere Herzsache gehabt, lebt jetzt in Altersheim in Berlin-Grunewald, Taunusstr. (Würde wohl als Adresse genügen.)
Es ist hier vor Besuchen und Durchreisenden kaum auszuhalten. Heute erwarte ich einen sehr merkwürdigen Besuch, von dem später.
Morgen um 8 kommt ein amerik. Professor. um 9 werde ich nach Stuttgart abgeholt. Dort Sitzung mit dem Minister etc. Um 17 Uhr hier Vereinigung der Freunde der Universität. Sonntag kommt Ehepaar Bähr. Montag Nachm. zum Kaffee von den Stiftsrepetenten eingeladen. Nachher beim Japanischen Botschafter mit Film. Und so geht es weiter – bis zum Semesterschluß, mit lauter Vorträgen u. Veranstaltungen.
Hellpach haben wir Anfang Mai im Theater bei der Schillerfeier [unter der Zeile] Stuttg. noch gesprochen. Er war sehr nett. <li. Rand> Ich muß noch anderes schreiben. Daher Schluß mit tausend guten Wünschen für Dich.
Wegen des Gedächtnisses: das meiste ist nicht wert, im Kopf behalten zu w.
<re. Rand> Die Sache mit Matussek scheint merkwürdig. Aber vielleicht ist das der tschechische Name für "Lehmann".
Bald kommt eingeschriebener Brief.
<Kopf>
Dein getreuer
Eduard