Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 19. Juli 1955 (Tübingen)


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Tübingen, den 19. Juli 55.
Meine geliebte Freundin!
Obwohl die Gehetztheit meiner Tage mit dem Ende des Semesters noch zunimmt, will ich doch meine "Schuldigkeit" in "zweierlei" Hinsicht erfüllen. Die erste Hinsicht ist hier sichtbar beigefügt. Die andere betrifft den Dank für das nachträgliche liebe Geburtstagsgeschenk. Ich habe, an 2 Abenden, mit dem Lesen bereits angefangen, bin aber natürlich noch nicht weit gekommen. Erst in diesem Jahr habe ich "Das Wunschkind" gelesen; so daß ich in den verzwickten Familienverhältnissen noch drin bin. Früher habe ich Teile vom Lennacker in mich aufgenommen. Immer ist die Sicht bedeutend, die Darstellungskraft bewundernswert. Allerdings ist jene "Sicht" auch ausgesprochen weiblich, ohne irgendwie
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| eng zu sein – sie ist ja ausgesprochen geistesgeschichtlich. Jedoch liegt für einen Leser wie mich in der Frauenhaftigkeit des Blickes eine Grenze, über deren einzelne Gründe und Faktoren ich mir keine ganz bewußte Rechenschaft geben kann. Denn diese Unterschiede liegen jenseits des Formulierbaren. – Ich bin Dir sehr dankbar für das Buch. Zum vorigen Weihnachtsfest waren ja das "unverwesliche Erbe" und Bährs "Daseinsgestaltung" die meistgekauften Bücher, ich weiß nicht, ob nur in Württemberg oder überhaupt.
Das letzte Wochenende habe ich darauf verwandt, meine Ansprache von der Tagung mit den englischen Pädagogen in Königswinter zu rekonstruieren. Damit ist wieder ein Steinchen von meiner Seele. – Der Kultusminister hatte mir privatim das neue Lehrerbildungsgesetz gegeben. Ich konnte ihm voll zustimmen. Auch war ich einverstanden, daß er von
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| meiner Äußerung Gebrauch machte. Dabei dachte ich aber nicht, daß sie am nächsten Tag in der Zeitung stehen würde!! Auch dem Hessischen Kultusminister habe ich meine Auffassung von der Sache sehr drastisch entwickelt.
Sonntag Nachm. waren Bährs bei uns. Montag Mittag war eine lahme Demonstration der hiesigen Studenten zur Genfer Konferenz. Um 20 Uhr ein Vortrag, bei dem ein Prof. der Päd. begutachtet werden mußte. Um 21½ ging ich noch in den Großen Senat und blieb dort bis 23, wo er schon aus war.
Die Tatsache, daß Wenke wegen seiner Beamtenrechte weitere 2 Jahre auf seinem hiesigen Etatposten, aber nicht auf seinem Lehramt sitzen bleiben will, ist für unsre Universität sehr unerfreulich und eine Schwierigkeit für unsre Freundschaft. Denn für das Bedürfnis der Studenten muß auch gesorgt werden.
Morgen macht Wenkes Vertreter, der "Schutz-Englert", der mich auch als
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| Arzt berät, für mich eine Feier im Päd. Seminar, bei der mein Bild – gehenkt – werden soll. Nicht nur angenehm! Am Donnerstag ist Seminar, kommt der Japaner Haga, und dann folgt noch eine Fakultätssitzung. Freitag redet Litt hier. Samstag ist Schulausschußsitzung, Sonntag Studentengesellschaft bei uns, Montag Vortrag unsres hervorragenden Ophthalmologen, – und so geht es weiter bis mindestens zum 31. Dann reist erst Ida, wir ein paar Tage später. Wohin? ist immer noch unbekannt. Vielleicht doch Friedenweiler?
Rudger Heß hat sich einigermaßen wieder herausgerappelt. September soll sich die arme Marianne einer Operation unterziehen, von der man hofft, daß sie das Gehör doch noch etwas verbessert. Aber sie ist sehr schwer.
Soeben Besuch von Frau Dr. Mahn und Frl. Besser, welch letztere mit ihrer Freundin in Königsfeld zur Erholung ist. Alles ganz schön – aber zu viel Durchreisende.
Mit vielen guten Wünschen von allen und herzlichen Grüßen

<li. Rand>
Dein
dankbarer Eduard