Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 2. August 1955 (Tübingen)


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Tübingen, den 2. Aug. 55.
Meine geliebte Freundin!
Ein so besonders schön geschriebener, gedankenreicher Brief gibt mir die Hoffnung, daß es Dir – im Rahmen unsrer Möglichkeiten – trotz der unablässigen Gewitterspannungen gut geht. Nun laß das aber nicht wieder durch den Besuch Deines unbekümmerten Bruders gefährden. Unternimm mit ihm keine Wege, die sich bei ihm ja ins Unbestimmte dehnen, empfange ihn bei Dir und wirf ihn hinaus, wenn er anfängt, Dich anzustrengen. Dies ist mein Gruß für ihn, den Du ihm vorlesen kannst.
Bedauerlich hingegen ist es, daß
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| Deine Schwester nicht in Heidelberg Station machen kann. Wenn ein Treffen am Bahnhof – zu einer menschlichen Zeit stattfinden kann, so schreibe dem Begleiter, Du würdest in der Mitte des Bahnsteigs warten; dort solle man Dich holen. Und dann ohne Hast und Stolpern!
Wir werden allerfrühestens am 9. August reisen. Inzwischen werden ich und Susanne hier allein wirtschaften. Denn Ida fährt morgen mit Schwester und Freundin nach dem Solhof. In Friedenweiler können wir, wenn überhaupt, erst ab 20. August unterkommen. Darüber fehlt aber auch noch die direkte Nachricht. Vielleicht treiben wir uns vom 10.–20. irgendwo herum. Wünschenswert wäre es, hier wegzukommen,
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| falls die Besucherei und die notwendigen Verabredungen hier so fortdauern. Neulich hatte ich an 1 Tage 5 Besuche, die 5 Stunden kosteten. Für mich bleibt nichts vom Tage übrig; und was etwa übrig bleibt, ist ja auch nur fürs Beantworten von meist überflüssigen oder zudringlichen Briefen. Einen vollen Tag habe ich nichts getan, als 9 Danksagungen für allerdings gut gemeinte Geburtstagsbriefe zu schreiben. Das alles ist natürlich besser als die Altersvereinsamung. Aber Du kannst mir glauben, daß es oft über meine Kräfte geht. Natürlich möchte ich vor der Abfahrt hier noch annähernd reinen Tisch machen.
Gestern war ich wieder von ½ 12 bis 19 Uhr unterwegs, in Stuttgart als Mitglied des Preisrichterkollegiums für den Schillerpreis. Da habe ich auch den Minister gesprochen, der mich auf seine naive Art für seine Zwecke aus
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|quetschen möchte.
Mit dem "unwesentlichen Erbe" bin ich nun beinahe fertig. Ich möchte mich aber dazu nicht äußern, ehe ich nicht das Ganze gelesen habe.
Prof. Englert (augenblicklich im Nebenzimmer), Vertreter von Wenke, Un. Prof. in München, Oberstudienrat und prakt. Arzt, wird bei uns im Hause der Schutzenglert genannt, weil er in allem zärtlich für mich sorgt. Schmeilhans-Küchenmeister ist auch so ein Name. (Er war letzten Donnerstag hier.)
Neulich war Prof. Reble hier, Kollege von Mädis Mann in Bielefeld. Der letzte Redner des Semesters war Buytendijk, den ich seit fast 30 Jahren nicht mehr gesehen hatte.
Das Seminar, das mir Mühe, aber wenig Freude gemacht hat, ist natürlich auch zu Ende. Wir hatten noch 9 Studenten am vorletzten Sonntag im Hause.
Käte Silber, die nach Dir fragt, geht nach Gastein, dann an den Chiemsee
Das 100. Tausend der Jugendpsychologie kommt in den nächsten Tagen heraus.
<li. Rand> Man ruft mich zum Essen. Viel Verständiges habe ich auch nicht mehr zu sagen. Viel innige Wünsche
Dein getreuer
Eduard.