Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 12. August 1955 (Tübingen)


[1]
|
Tübingen, den 12. Aug. 55.
Meine geliebte Freundin!
Nun ist also Dein "Möbelbesuch" vorüber. Hoffentlich ist alles mit Vernunft behandelt worden und ohne Aufregung abgelaufen! In der Sommerszeit werden schon noch andere Besuche zu Dir kommen; dazwischen gibt es immer Reihen von Tagen, an denen man glaubt, vergessen zu sein. Aber Du hast immer noch einen recht großen Kreis, der sich auf eine mir unbegreifliche Art jedes Jahr mit neuen Verwandten anreichert, bzw. anräuchert.
Ida ist also am 3. Aug. abgefahren. Noch am gleichen Tage hatten wir hier ein gewaltiges Unwetter, das für einige Zeit den Straßenverkehr mit Stuttgart gesperrt hat. Für die Hochwassergeschädigten in Lustnau wird jetzt gesammelt. – Am nächsten Tage meldete sich gebieterisch ein griechisches Ehepaar, er Prof. in Athen u. früher
[2]
| mein Hörer in Berlin, gebürtig aus dem erdbebenzerstörten Volos. Die mußten wir nun in das "Museum" einladen, wo es wegen Überfüllung höchst ungemütlich war. Nachm. kamen noch 3 weitere Besuche – 2 angemeldete. Da kannst Du Dir vorstellen, was für die eigne Verfügung übrig bleibt. Aber seit Beginn dieser Woche ist es auch hier etwas stiller geworden. Wir waren wieder einmal auf der Weitenburg zum Essen – 1½ Stunden (mit 150 m Steigung) hin, 1½ Stunden (glatten Herabsteigens) zurück. Das war natürlich zu viel. Aber es hat nicht nachhaltig geschadet. Hingegen hat sich mein linkes Auge (wo sich der graue Staar akut verschlechtert In Dingen der Augen war ich verwöhnt.
Dann haben wir mal 2 Tage geheizt. Gefunden hat sich noch keine Sommerfrische, wird auch kaum noch. Nun hoffen wir, am Dienstag für 2–3 Nächte in Sigmaringen unterzukommen ("oder so ähnlich.") Die eigentliche Reise würde dann erst
[3]
| im September folgen. Ich strebe an einen Südschweizer See, weil ich das noch nicht kenne. Vom 28.–30. Sept. bestehen Verpflichtungen in Konstanz und in Stuttgart, sonst nichts.
Ich habe einen kleinen, aber substantiellen Aufsatz für Buenos Aires geschrieben. Das "Erledigen" geht noch weiter, und wenn man an die letzten Reste kommt, sind es natürlich die unangenehmsten Briefe.
Inzwischen habe ich das "unwesentliche Erbe" vollendet. x) [re. Rand] x) Das Weibliche scheint darin zu liegen, daß alle Dinge von der Familie aus gesehen werden. Um den Anschluß zu haben, habe ich dann noch Anfang und Schluß vom "Lennacker" wieder gelesen. Da spürt man doch, wie sehr die darstellerische Kraft der <unleserl. Wort> seitdem gesunken ist. Natürlich ist die Alterweisheit reicher geworden (vgl. "Lehrjahre – Wanderjahre"). Aber die aufgeworfenen Probleme werden doch nicht durchgeführt ("Lösung" darf man vom Dichter nicht erwarten.) Elisabeth kehrt im Nebensatz in die kath. Kirche zurück; die Ura stirbt
[3]
| im Nebensatz. Meine Figur ist diese Ura. Der Dominikus ist mir zu sehr – von seiner Art. Die Lektüre hat mich lebhaft beschäftigt, und es fehlt mir nun etwas Gleichwertiges. Auf deutsch scheint es so etwas nicht zu geben, es sei denn, daß das Preisrichterkollegium für den Schillerpreis (bei dem ich neulich in Stuttgart war), noch einen aufspießt.
Der s. Z. erwähnte eigenartige Besuch war eine Frau Löwe aus Wittenberg, die mir monatelang die für sie gefährlichsten Briefe geschrieben hat, ohne je eine Antwort zu erhalten. Es ist nichts Verdächtiges an ihr. Sie kam mit 13jähr. Sohn. Solche Würmer werden nun auf 2 Tonarten erzogen und haben schon einen Blick von unten herauf. Aus Karlshorst (Hauptquartier!) hat mir Frau Dr. Schubert nach Jahrzehnten wieder geschrieben. Du wirst Dich kaum an den Namen erinnern. Ihr [über der Zeile] Mann, höchst geistvoll, gehörte zu dem Friedrichshagner Kreis (Bölsche, Wille etc.)
Ich warte jetzt noch die Morgenpost ab, weil ich dann vielleicht für nächste Woche eine Adresse angeben kann. Unsren staatlichen Hochzeitstag übermorgen werden wir, wie immer, ganz unstattlich vorübergehen lassen.
Zunächst also Schluß mit den gewohnten, sehr innigen und treuen Gedanken. Ich komme <li. Rand> auch mal wieder nach Heidelberg. Es dauert noch ein Weilchen. Aber ein Termin schwebt mir schon vor. Mit herzlichen Grüßen von Susanne ohne Ida, die am 15.8. in Schömberg (Solhof) ihren Geburtstag feiert, Dein
<Kopf>
Eduard.

[re. Rand] ½ Stunde später: Nachricht v. Hôtel Sigmaringen noch nicht gekommen.