Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 24. August 1955 (Tübingen)


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Tübingen, den 24.VIII.55
Meine geliebte Freundin!
Die Karte aus Sigmaringen wirst Du erhalten haben. Die 4tägige Fahrt war ohne Regen; in diesem Sommer ein ungewöhnlicher Fall. Wir haben dann noch 2 Tage allein hier gewirtschaftet. Am Montag Nachmittag erschienen dann schon unangemeldet die Tierok und Ida, 2 Tage zu früh, was ich bekanntlich nicht liebe. Die stille Zeit habe ich ausgefüllt mit Testamentmachen. Das war wieder einmal sehr nötig; denn seit dem letzten hat sich allerlei verändert. Das neue Schriftstück liegt in meinem Schreibtisch und eine Abschrift bei Jenny Honig, Alpirsbach, Burghalde 5. Damit Du Bescheid weißt.
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Ich schreibe erst heute, weil ich das Resultat der Untersuchung auf der Augenklinik abwarten wollte. Subjektiv liegt es so, daß seit 3 Wochen meine Lesefähigkeit ernstlich beeinträchtigt ist. Unzweifelhafte Ursache ist der im Gange befindliche graue Star auf dem linken Auge. Dabei ist nur auffallend die ruckartige Verschlechterung in diesem Monat. Man hält es für möglich, daß noch etwas anderes beteiligt sei, was man wohl populär grünen Star nennt. Behinderter Abfluß des inneren Augenwassers. Es soll daher demnächst noch eine genauere Untersuchung stattfinden, die – wie ich weiß – mit sorgfältigem Ausprobieren von Medikamenten verbunden ist, also länger dauern wird. Man ist hier in der besten
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| Hand. Jedoch war es nach der vielseitigen Untersuchung zunächst so schlecht wie nie.
Da wäre nun also die wirklich arbeitsbehindernde Alterserscheinung da.
Vom 5.–7. September werdet Ihr in Heidelberg den großen Ophtalmologenkongreß haben. Unsre Tübinger Größe ist Harms (der aber z. Z. abwesend ist.)
Da sich das Wetter gebessert hat, wäre es nun Zeit, an die eigentliche Erholungsreise zu denken. Wir wissen immer noch kein Ziel. Es fehlt wohl auch die Entschlußkraft bei mir. Als Termin habe ich mir – wenn nichts dazwischen kommt – den 31. August gesetzt. Vorher, zu Goethes Geburtstag erwarten wir noch den Expräsidenten der Bremer Wittheit, Prof. Entholt, der in Deinem Alter steht. Wir besuchen
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| vorher wohl noch den medizinischen Kollegen Bürker, der ebenfalls fast genau in Deinem Alter steht.
Sehr reizende Briefe von Christiane. Ich hatte für die Ferienkasse 20 M geschickt. Da hat sie die ganze Sippschaft, einschließlich Frau Biermann, in ein Café eingeladen. Für Anfang Sept. hat mich der Hessische Kultusminister nach Wiesbaden eingeladen – was mir weniger angenehm ist.
Wenke (mit Frau) war am 14. August kurz hier. Aber das Verhältnis ist nun einmal verändert. Vielleicht ist auf keiner von beiden Seiten eine Schuld.
Ich muß gestehen, daß es mir innerlich wie äußerlich nicht leicht gewesen ist, diesen Brief zu schreiben. Noch im Juli war von merklichen Sehbehinderungen nicht die Rede. Aber wer darf klagen, wenn er so lange gute Augen gehabt hat?
Von Dir hoffe ich, daß es normal geht. Gegen die Schwäche am Morgen <li. Rand> hilft vielleicht ein etwas verbesserter Frühkaffee, als er sonst verabreicht wird. Kann man nicht eine maßvolle Dosis Nes hinzufügen? Alle 3 grüßen herzlich. Besonders dein Eduard
[Kopf] Neulich, mitten in den Ferien, war wieder ein Tag mit 18 Posteingängen morgens.