Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 28. August 1955 (Tübingen)


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Tübingen, Goethes Geburtstag
55.
Meine geliebte Freundin!
Zuerst Klärung der Termine: Wir beabsichtigen, am 31. August (!) ganz früh nach Lenzkirch zu fahren, wo ein Zimmer für uns im Hôtel Vogt frei ist. Das ist das kleine Bahnhofshôtel, wo wir zweimal Kaffee getrunken haben, mit dem Gefühl, es wäre besser, dort zu wohnen, als in dem leidigen "Hirsch". Das Haus hat sich seitdem vergrößert und ist das Beste am Platze, hoffentlich nicht nur gemäß der Liste. 13 M Pension ist für dieses Jahr allerdings auffallend wenig. Aber es ist ja schon Nachsaison.
Mädis Kommen kollidiert also in keiner Weise mit etwaigen Absichten von mir. Hoffentlich ist dieser Besuch vernünftiger und rücksichtsvoller als der aus Tutzing,
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| von dem ich immer nur mit Sorge höre.
Die Termine 28.–30.9. in Konstanz und Stuttgart sind durch meine Augensache zunächst in Frage gestellt. Mindestens wäre die Vorbereitung für m. Vortrag in Konstanz recht schwierig. Das linke Auge fällt für das Lesen schon jetzt ganz aus (Schreiben geht besser.) Auf die Ferne funktioniert es noch, aber verschleiert. Das ist der graue Star, der eben erst reif werden muß. Was mich beunruhigt, ist nur die Plötzlichkeit, mit der die Verschlechterung eingetreten ist. Alles kommt nun darauf an, daß es rechts nicht so schnell weitergeht.
Sollte links noch etwas anderes vorliegen, so wird so etwas hier auch behandelt, erst mit Medikamenten, notfalls mit Operation. Bei Nieschling ist die letztere im ganzen erfolgreich gewesen. Er reist jedenfalls nach wie vor in aller
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| Welt herum.
Der Pädagogus sagt nichts Neues. Jeder erhebt sein besonderes Lamento. Ein wirkliches Heilmittel ist noch nicht gefunden. Ich werde auch jetzt in den Ferien dauernd mit "Schulreform" geplant. Nennenswertes ist seit 45 Jahren nicht herausgekommen.
Alte Leute werden naturgemäß unentschlossen, vergessen vieles und bedürfen steter Schonung. Du kannst mit den Geisteskräften, die aus Deinen Briefen und Lektüreberichten sprechen, durchaus noch zufrieden sein. Eine Hilfe ist es, wie ich an meinen alten Bekannten hier bemerke, wenn man sich an eine bestimmte Tageseinteilung hält. Das Spazierengehen (nicht zu unterlassen), das Einkaufen, das Briefschreiben und das Lesen sollten ihre festen Tagesstunden haben. Auf diese Art pumpelt man weniger herum, was immer ein bißchen Deine Art
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| war und sich im Alter natürlich gesteigert hat.
Wir haben am Samstag beim Schluß des hiesigen germanistischen Ferienkursus ein Volksliederwettsingen mitangehört, das wirklich sehr nett war und von einer herzlichen Einmütigkeit aller Europäer (und darüber hinaus) zeugte. Daß ich mit dahin ging, was der erste Ausfluß meines neuen Schicksals, den Tag nicht mehr mit Arbeit ausfüllen zu können. Ob die Ferien in Lenzkirch durch geringere Beanspruchung der Augen noch eine Milderung bringen, ist mir sehr fraglich.
Der 85jährige Präsident Entholt reist noch allein in der Welt herum, obwohl er natürlich auch schon auf allerhand Schwächen Rücksicht zu nehmen hat. Er ist ein Schüler von Dietrich Schäfer und sprach viel von ihm.
Der Aufsatz für Buenos Aires, der vielleicht in den Wirren sein Ziel nicht erreicht hat, führte den Titel: "Leben wir in einer Kulturkrisis?"
Frl. Hilgenfeld hoffen wir in Lenzkirch zu sehen. Mit Frl. Silber scheint es <li. Rand> diesmal zu keinem Wiedersehen zu kommen. Jetzt muß ich – pausieren. Alles Liebe wie immer! Dein Eduard