Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 3. September 1955 (Lenzkirch, Hotel Vogt)


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Lenzkirch, Hôtel Vogt,
den 3. September 55.
Meine geliebte Freundin!
Endlich der Schwüle und Gewitterluft von Tübingen entrückt, fühlen wir uns hier sehr wohl, einfach im Atmen! Wir hatten zwar auch noch 2 Gewitter, davon eines von erster Güte. Aber wir haben stundenlang auf sonnigen Bänken gesessen. Als Du und ich hier im "Hirschen" einquartiert waren, haben wir das nicht getan, sondern sind weit gewandert, bis zu dem unsinnigen Rückweg zu Fuß vom Feldberg bis Lenzkirch. Das muß genau 30 Jahre her sein.
Gestern sind wir nachm. mit dem Omnibus nach Saig hinaufgefahren und dann in Etappen über den blechgedeck[über der Zeile] ten Hirahof hierher zurück. Das sind etwa 1½ Stunden; die schaffe ich noch.
Ich habe seit der Ankunft hier kaum etwas gelesen. Aber diese Schonung wird am Zustand kaum etwas ändern. Gewisse Empfindungen am äußeren Auge führe ich auf die
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| herumfliegende Storchschnabelwolle zurück. Die Fernsicht ist noch ganz gut. Hingegen macht mir ein Briefchen wie dieses doch erhebliche Mühe. Es wird daher auch nur kurz ausfallen.
Deine vielen Besucher sind nun alle wieder verstoben. Ich verstehe, dass Du solche blinden Alarme nicht liebst. Es geht mir ebenso. Wir hatten am letzten Nachm. noch die Pianistin Zangenberg, jetzt Flensburg, zu Besuch. Hierher wird am Montag Frl. Hilgenfeld kommen. Sie ist 30 km von hier zur Erholung in Schweigmatt. Aber die Bahnverbindung schätze ich auf 90 km. Bei der herbstlichen Stille, die im Orte jeden Tag zunehmen wird, ist eine solche Abwechslung sehr willkommen – abgesehen von der nun auch schon 49 Jahre alten guten Verbindung.
Vor allem aber hoffe ich, am Montag von Dir etwas zu hören. Ich gedenke Deiner an dieser Erinnerungsstätte besonders intensiv. Viele gute Wünsche von uns beiden Reisenden!
Stets Dein
Eduard.