Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 9. September 1955 (Lenzkirch)


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Lenzkirch, 9.9.55.
<Briefkopf: PROFESSOR DR. EDUARD SPRANGER
TÜBINGEN
Rümelinstr. 12>
Meine geliebte Freundin!
Es "könnte" hier wunderschön sein. Das Hôtel ist sehr angenehm, das Wetter meist sonnig, so daß wir den ganzen Tag beinahe draußen sein können. Aber die kleinen Spaziergänge dehnen sich manchmal – infolge der noch immer vorhandenen inneren Unternehmungslust – weiter aus, als für das Herz gut ist. Und auch andere Sorgen wandern natürlich immer mit. Wir waren zweimal in Saig und einmal in Kappel. Das andere liegt für uns zu hoch oder zu fern. Frl. Hilgenfeld, eine Kollegin von der Knauerschen Schule und häufige Besucherin meines Vaters, war einen Tag hier. Es war ganz nett. Aber die Interessen verengen sich bei manchen Alten ganz auf den eigenen kleinen Kreis.
Für die freundlichen Grüße von Frau Pramann (Prahmann?) danke ich herzlich und bitte um Erwiderung im Gedanken an die Keithstr. und Kurfürstenstr. Durch sorgfältige Auswertung Deiner Mitteilungen in 2 lieben Briefen ergibt sich die Vermutung, daß Ruges in Horgen sind, was 35 km von hier ist. Dorthin gehen meine stillen Wünsche, aber keine Grüße, bitte!
Wir werden wohl mindestens bis
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| 15.9. hierbleiben und auf der Rückreise 1 bis 2 Nächte in Alpirsbach. Dann muß festgestellt werden, wie sich die weitere Untersuchung und ev. Behandlung meiner Augen gestaltet. Davon hängen ab 1) der etwaige Besuch von Frau Biermann in T., 2) der Besuch von K. Silber 3) die Beteiligung an einer Konferenz in Konstanz 27./28.9 und einer Tagung der DFG in Stuttgart am 30.9. Du siehst also, daß Du über den ganzen September ohne Bedenken, daß ich etwa kommen könnte, verfügen kannst.
Den Besuch bei Kohlers würde ich von dem Wetter abhängig machen. Abwechslung ist Dir sehr zu gönnen, Anstrengung und Frieren nicht. Bitte immer um Vorsicht und Selbstschonung!
Das verd........ Baden-Württemb. Lehrerbildungsgesetz verfolgt mich auch hier mit törichten Drucksachen. Ähnlich die Reform der höheren Schulen. Ich muß mich an das Lesen und Schreiben unter den neuen sehr behinderten Umständen erst gewöhnen. Leicht ist das nicht.
Hier sende ich Dir ein Bild "aus besseren Tagen". Es kennzeichnet den Augenblick, wo ich es mir nach einem Vortrag in Bad Boll – à la Heuß – gemütlich machte.
Hüte Dich vor den Gaßners! Das sind Leute, die für die Kräfte anderer keinen Maßstab haben.
Ob im "Hirschen" die berühmten Ohr<re. Rand>würmer noch vorhanden sind, weiß ich nicht; aber jedenfalls noch dieselbe Wirtin, die ewige Witwe Krauß. – Mein emigrierter Freund und Fachgenosse Joachim Wach (Familie Mendelsohn) ist gestorben.
<li. Rand>
Ich gedenke Deiner und unserer – oft unvernünftig langen Wege hier und bin in Liebe
Dein Eduard. Susanne grüßt auch