Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 18. September 1955 (Tübingen)


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Tübingen, den 18. September 55
Meine geliebte Freundin!
Ich bin jetzt immer sehr unpünktlich mit diesen Sendungen. Aber auf der Reise – so einfach wir gelebt haben – blieb kein Überschuß.
Der letzte Tag in Lenzkirch brachte auch uns die überall bemerkte Wetterdepression. Es wurde sehr kalt, und wir wurden zum 1. Male gründlich naß. Aber das konnte nichts daran ändern, daß Lenzkirch uns eine sehr schöne Erholungszeit gebracht hat. Am Donnerstag um 8 fuhren wir via Kappel ab, fuhren die Schwarzwaldbahn hinab und waren schon gegen 12 in Alpirsbach. Dort fand ich Deine lieben Zeilen und die anbei wieder zurückkommende Postkarte.
In Alpirsbach bekamen wir ein
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| ungeheiztes Dachzimmer mit Blick auf Ziegeldach und reichlichem Küchendunst, das Bett zu 4,50. Der "Löwe" ist sonst sehr gut. Aber bei solchem Kälteeinbruch müßte er heizen. So war ich für das Schreiben auf Jennys Stübchen angewiesen. Den Schwager Heß fand ich in leidlichem Zustand. Mehr wird er nie erreichen, weil 3 Frauen ihn unablässig zur Vorsicht mahnen.
Das Kloster in Alpirsbach hat jetzt an der Ostseite einen Kurgarten, der mit hervorragendem Geschmack angelegt ist. Der Blick von dort auf die Kirche ist eines der schönsten Bilder, die mir begegnet sind.
Gestern um 18½ fuhren wir ab, waren um 20.40 in Tübingen. Dort habe ich einen Taxichauffeur auf norddeutsch angeschnauzt wie noch nie. Er wird das schwerlich vergessen.
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Die aufgeschichteten Berge von Post ließen mich stärker als je fühlen, daß ich den Anforderungen von außen her nicht mehr gewachsen bin. 2 Stunden waren allein zum Sortieren nötig. Das Übelste ist, daß kaum irgend etwas von dieser Masse von einigem Belang ist. "Man hat nichts davon." – es sei denn technische Mühe. Susanne hatte nur Einen Brief, aber einen sehr schönen – von Frau Meinecke.
Ist Frau Biermann bei Dir gewesen, oder warst Du an der Bahn? Ich schreibe Dir schon heute. Morgen ist die Augenuntersuchung durch den Chef Harms. Nach den Erfahrungen des ersten Males kann ich den Tag danach überhaupt nichts scharf sehen und also auch keinen Brief schreiben. Die allgemeine, recht gute Erholung
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| hat keine Besserung im Gebrauch der Augen zur Folge gehabt.
So breche ich denn auch heute ab und grüße Dich innig, indem ich bitte, Dich zu der Frage einer Ergänzungsheizung zu äußern, bzw. zu entscheiden.
Ida und Susanne grüßen herzlich.
Innigst Dein
Eduard S