Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 26./29. September 1955 (Tübingen/Augenklinik)


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Tübingen, Augenklinik
26.9.55.
20¼.
Meine geliebte Freundin!
Es ist ein recht angenehmes Leben hier oben. Alle Menschen sind freundlich, der Chef genial, die Ärzte pflichttreu. Heute war die Fortsetzung der Untersuchung in der Inneren Klinik (Elektrokardiogramm und Röntgenaufnahme). Auch dort war die Fürsorge rührend. Der Röntgendoktor sagte, an der Lunge sei nichts, was Bedenken erwecken könnte. Die Pflichtuntersuchungsstellen hätten sie mit belanglosen Fällen überflutet. Aber das Gesamtergebnis steht ja noch aus; der Patient befindet sich naturgemäß unter dem Druck seiner Sorgen, klinischer und anderer. Die
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| starke Gefahr grünen Stars scheint man nicht mehr anzunehmen; nur die Disposition ist da. Aber die andere, eigentliche Sache ist wohl mindestens ebenso schlimm.
"An sich" könnte es hier Zeit zur Besinnung geben. Jedoch was in mein Zimmer will – Besuch von andern als Susanne und Fetscher fast garnicht, weil niemand weiß, daß ich hier bin – was also kommt, kommt immer zusammen, und dann wartet man wieder ¾ Stunde vergebens. Trotzdem glückt manchmal ein Meditieren, und ich bin nun wohl bei meinem letzten philosophischen Thema angelangt, bei der Frage, was das strenggenommen heißt: "Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis". Meistens nimmt man es nur als einen wirkungsvollen rhetorischen Schluß. Ich bin aber der Meinung, daß es bei Goethe
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| keine Knalleffekte gibt. Manchen tiefen Bezügen bin ich schon auf der Spur. Ob ich durch sehr reale Notwendigkeiten aus diesen Betrachtungen herausgerissen werde – wer weiß es?
Indem ich dies – physisch – schreibe, sehe ich den gewohnten Ductus der Schrift in mir. Aber was dann dasteht, ist für mich nicht leicht zu entziffern.
Niemand hat mir die Illustrierte Woche vom 4. August geschickt, nicht einmal die Redaktion. Ich weiß auch nicht, wann und wo das Bild gemacht ist. Aber es ist gut. Den Artikel habe ich nicht gelesen. Ich lese ungern etwas über mich.
Irgendwo habe ich einen kräftigen Schnupfen ergattert. Der Garten wird uns nicht mehr lange als Aufenthalt dienen können. Erinnerst Du Dich vielleicht der Rehe, die damals noch in ihm
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| gehalten wurden? Jetzt ist nur noch ein Exemplar da. – Man sieht in unsre Küche und über die Dächer der beleuchteten Stadt. Wie anders alles, als in den Tagen Hölderlins! Und doch denke ich oft an den Anfang des Gedichtes "Brot und Wein".
Jetzt geht es nicht mehr.
Gute Nacht!

29.9.   vor 8 Uhr.
Nach den abwechselnden, aber anstrengenden Tagen wirst Du hoffentlich zunächst auf ausgleichende Ruhe bedacht sein. Mögen die Erlebnisse überwiegend gut und wohltuend gewesen sein! Die Frage wegen des Elektrischen Ofens kann man nicht gut bis in den Frühling verschieben. Gerade die Übergangszeit macht ihn nötig.
Hier geht die Untersuchung und
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| und Behandlung ihren einförmigen Gang. Der Schnupfen, höchst wahrscheinlich von der Oberschwester übernommen, brachte gestern Temperaturerhöhung und Mißbehagen. Schlimmer ist die Erkrankung von Harms (Verschleppte Furunkelsache am Bein.) Ich muß im Interesse der Patienten wünschen, daß er vorläufig nicht kommt, sondern sich auskuriert. Gestern hat noch eine Röntgenaufnahme der Lunge stattgefunden ("Schichtaufnahme".) Die Besuche in dieser Station sind immer menschlich sehr angenehm. Ein Gesamtbescheid vom inneren Kliniker Bennhold ist noch nicht da.
Gestern hat ferner Frau Hertz (mit der jetzt in Heidelberg studierenden und beim Kümmelbacher wohnenden Tochter) Susanne besucht. Ich kam nur hinterdrein zum Kaffee herunter. Natürlich sieht von dieser Perspektive manches Russische gut aus.
Die Tagungsteilnehmer von Konstanz (Waldhaus Jakob) haben mir
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| ein Telegramm gesandt. Zufällig hörte ich auch ein belangloses Rundfunkinterview mit Luchtenbergs und Litts Stimme
Der gute Prorektor Arnold hat mich besucht und viel Tröstliches von Blinden erzählt, die mit ihrem Schicksal zufrieden waren. Sonst kommen nur Fetscher und Englert.
Morgen früh um 7½ fahre ich – beurlaubt – mit dem Rektor nach Stuttgart, zur Hauptversammlung der DFG. Am Samstag hat Frau v. Glasenapp (Baden-Baden, Schützenstr. 11, ihren 80. Geburtstag (Ansichtskarte!)
Ich muß jetzt Schluß machen; denn nach 8 geschieht jeden Augenblick etwas und nichts. Man muß immer parat stehen.x) [li. Rand] x) Die Oberschwester fällt heute auch aus
Alle guten Wünsche und innigste Grüße
Dein
Eduard.

[re. Rand] Habe ich schon geschrieben, daß Luise Lampert wieder wegen Kreislaufstörungen im Krankenhaus ist – war? (Mitte Sept.)