Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 5. Oktober 1955 (Tübingen)


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Tübingen, den 5. Oktober 55.
8 Uhr früh.
Meine geliebte Freundin!
Eben habe ich dem General v. Voß (Pour le Mérite), dem ehemaligen Chef der Heerespsychologie, zum 80. Geburtstag gratuliert. Ich habe noch etwas Tinte in der Feder und will sie sogleich "an Dich wenden". Zunächst herzlichen Dank für Deine lieben Zeilen. (2./3.X.)
Was der Internist Prof. Bennhold Susanne und mir über den Befund gesagt hat, klang sehr günstig. Insbesondere hat ihn das Elektrokardiogramm befriedigt. Bei der Schichtaufnahme der Lunge hat sich gezeigt, daß eine Stelle, die in einfacher Aufnahme als Kaverne gedeutet worden war, nur ein kleines Emphysem ist, das er als harmlos bezeichnete. Nicht günstig fand er den zu hohen Blutdruck. Aber er hatte keine Bedenken gegen die Anwendung der Medikamente, mit denen die Herren der Augenklinik auf mich losgehen wollen.
Gestern war ich volle 14 Tage hier; die Kurve ist schon ellenlang. Man hat die Hypothese auf grünen Star
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| gestern zwar nicht ganz aufgegeben, aber doch als unzulänglich bezeichnet. Nunmehr beginnt ein neuer Abschnitt; die Untersuchung und Behandlung soll sich jetzt auf Gefäßstörungen richten. Wahrscheinlich beginnt damit die "Spritzerei", der ich bis zu meinem 74. Jahre entgangen bin.
Heute um 12 besucht Frau Biermann [über der Zeile] unten Susanne. Um 14 Uhr werde ich dazu kommen. Denn zwischen 14 und 16 ist "oben" in der Regel nichts los. Die Lebensweise "oben" ist für einen Klinikaufenthalt nach wie vor angenehm. Aber bekömmlich ist sie für jemanden, der an Arbeit gewöhnt ist, nicht. Und etwas Zusammenhängendes zu tun, ist nicht möglich, weil jeden Augenblick einer oder gleich mehrere kommen und dieser Augenblick niemals voraus zu berechnen ist. – Harms ist auch seit gestern wieder da.
Sonst ist für heute nichts zu berichten. Ich hoffe, daß Du Dich gut befindest und jede Form der Selbstpflege sorgsam beachtest. Mit vielen innigen Grüßen
Dein
Eduard.