Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 10. Oktober 1955 (Tübingen)


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<Briefkopf: PROFESSOR DR. EDUARD SPRANGER
TÜBINGEN
Rümelinstr. 12>

10.X.55
Meine geliebte Freundin!
Der Heidelberger Bahnhof war immer ein Ort unerwarteter Begegnung. Der neue scheint diese Tradition zu verstärken. Hast Du inzwischen etwas darüber gehört, ob die beiden Paare wirklich versöhnt zusammen reisten? Der "andere" war mir sehr sympathisch. Auch Frau Biermann erzählte von der zweiten Begegnung. Ich war nur 2 Kaffeestunden mit ihr zusammen. Sie wohnte bei Herres, was eben doch eine Störung der Unbefangenheit mit sich brachte.
Wie weit habe ich eigentlich erzählt? Morgen bin ich volle 3 Wochen hier. Sie haben 1) das Ergebnis gebracht, daß die Hypothese
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| vom grünen Star, auf den ich 16 Tage lang untersucht worden bin, aufgegeben ist. 2) Nun behandelt man "mangelnde Durchblutung der Netzhautgefäße", was wohl identisch ist mit Bekämpfung des zu hohen Blutdruckes. Diese muß aber doch wohl lokal besonders auf die Augengegend gelenkt werden. Ich habe bisher 6 Spritzen erhalten, die natürlich aufs Herz gehen und anscheinend allgemeine Schlappheit verursachen; denn ich habe keine Lust, zu gehen. Es soll objektiv schon eine minimale Besserung der Lesefähigkeit feststellbar sein, und ich verspüre jedenfalls nicht mehr die anfängliche Abneigung gegen alles Lesen, sondern nur gegen die von Schmeil angewandten Drucktypen.
Der Aufenthalt im Hause ist weiter angenehm.
Es kommt jetzt – nicht inner passend – schon mehr Besuch. Am Sams
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|tag war der heimgekehrte Dr. Bähr zum ersten Mal hier. Er hatte – auf Einladung – auch Albert Schweitzer im Elsaß besucht und erzählte u. a. zu meiner Freude, daß dieser sehr freundlich über mich gesprochen habe. Gestern, Sonntag Nachm, war sogar eine Fakultätsberatung mit dem Dekan und Bollnow in meinem Zimmer. Auch der Physiker Kossel, der in der benachbarten Inneren Klinik beobachtet und behandelt wird, war einmal hier. Im ganzen aber läßt sich hier nichts Ordentliches tun, weil der Stundenplan mit Behandlung, Essen, Reinmachen immer unsicher ist. Am meisten läge mir jetzt daran, mich zu dem Buch "Ludwig Beck, Studien" zu äußern, das der General Speidel herausgegeben hat. Der Satz ist gut; aber es sind 300 Seiten. – Manchmal wird auch der Rundfunkknopf
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| aufgedreht.
Es ist jetzt 8 Uhr. Da muß man parat sein. Vielleicht füge ich nachher noch ein paar Notizen hinzu. Vorläufig herzlichste Wünsche und Grüße.
Innigst Dein
Eduard

[li. Rand] Bis zum 17. September war im Schwarzwald keine Herbstzeitlose zu sehen. <re. Rand> Erst hier etwa um den 24.9. Also ungewöhnlich spät