Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 16./17. Oktober 1955 (Tübingen)


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Tübingen, Rümelinstr. 12
den 16. Oktober 55
Meine geliebte Freundin!
Vor 2 Stunden bin ich in unsre Wohnung zurückgekehrt. Die Entlassung ist motiviert durch den Übergang von den Spritzen zur Einnahme von Tabletten. Die letztere Behandlung ist natürlich ambulatorisch möglich. Andererseits muß der Patient konstatieren, daß – gelinde gesagt – eine subjektiv merkliche Besserung nicht erreicht ist. Das Medikament, das ich gestern zum ersten Male genommen habe, ist nach meinem Eindruck nicht ganz ungefährlich. Man will mit ihm offenbar an Prozesse heran, auf die man nur in ganz grober Weise Einfluß hat. Ich bin ganz zufrieden, daß Harms bei der letzten Unterhaltung oben selbst vorgeschlagen hat,
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| einmal 3 Tage lang garnichts zu tun. 25 Tage lang ist den Augen allerhand zugemutet worden. Vielleicht tut es ihnen gut, einmal in Ruhe gelassen zu werden.
Als verständiger Mensch erwarte ich von der Wissenschaft nicht, was sie – noch ? – nicht kann. Es ist bewundernswert, welche feinen diagnostischenMethoden sie entwickelt hat. Von den therapeutischen wird in meinem Falle zugegeben, daß sie erst seit 2 Jahren im Gange sind. Was ich über ihre Wirkung zu berichten habe, findet daher bei den Ärzten lebhaftes Interesse. Ich kann zunächst nur sagen: das ganze Gehirn wird aufgewühlt, – in der Hoffnung, damit vielleicht (?) auch an die Netzhautgefäße heranzukommen. Aber – dixi – "Ich fühle meine ganze physische Natur verändert."
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Abends.
Das Ehepaar Bähr war nachmittags bei uns, was in der unbestreitbaren Einsamkeit unsrer Existenz immer eine besondere Freude ist. Er hat noch viel Interessantes von seinem Besuch bei Schweitzer erzählt. Von mir soll er – da Du es wissen willst – gesagt haben: "Jetzt habt ihr wieder "Licht in Tübingen". Aber auch dies hat Bähr erzählt, wie sehr alle Umstände dem alten Mann verwehren, auch nur auf Stunden Er selbst zu sein und sein Eigenstes zu betreiben.
Susanne liest mir viel vor. Es ist eigentümlich, wie stark man an dieser Probe merkt, ob etwas gut dargestellt ist oder nicht.
Die Begegnung mit Holzhausens um diese Zeit ist an mancherlei Faktoren gescheitert. Angenommen, daß meine "Behandlung" mir jetzt Freiheit ließe, so bin ich jetzt doch wahrhaft
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| klapprig. Als ich "oben" einzog, war das nicht der Fall, und ich hoffe ja auch, daß sich manches noch ausgleicht. Trotzdem möchte ich die Erfahrungen "oben" nicht missen. Denn ich habe menschlich viel erlebt, was das Herz freudig stimmt, z. B. die Pflichttreue und Sorgfalt des jüngeren Arztes, der mich de facto behandelt hat. Natürlich tat er es gemäß dem erprobten Schema, aber nicht starr und unbelehrbar. Übrigens: Schema hin, Schema her, seine Geduld und menschliche Fürsorge war rührend.
Hier mache ich für heute Schluß. Ich bin, wie jetzt immer, um 6½ aufgestanden; es geht auf 21, und da langt es nicht weiter. Gute Nacht.

17.X.55.
Ich bitte um Entschuldigung, daß das Einliegende so spät kommt. Was den Heizkörper betrifft, so wäre eine gleiche Verspätung zu beklagen. Alle grüßen Dich herzlich und wünschen das Beste. Innigst Dein
Eduard

[li. Rand S. 3] Zum Ganzen: dieser Ausflug in die A.Kl. mußte unternommen werden, damit man sich später nicht den Vorwurf machen muß, nicht rechtzeitig alles getan <Kopf> zu haben