Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 26. Oktober 1955 (Tübingen)


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Tübingen, den 26. Okt. 55.
Meine geliebte Freundin!
Dein lieber Brief vom 19.X. hat mich mit der Fülle der Unternehmungen, die darin erwähnt werden, ganz verwirrt. Es ist ja ganz hübsch: "Also muß man die Langeweile vertreiben". Aber hoffentlich summieren sich die empfangenen und gemachten Besuche samt geschäftlichen Erledigungen nicht immer so. Denn das könnte doch etwas zu anstrengend werden.
Wenn der Elektr. Ofen nicht genehmigt werden sollte, so kann das doch nur daran liegen, daß andere Bewohnerinnen mit dem gleichen Antrag kämen. Du hast Dich doch hoffentlich erboten, für den Strom eine Pauschalsumme zu zahlen? Was aber den Hinweis auf den Neubau betrifft, so erinnert mich das an eine Geschichte bei Willy Böhm. Ich fragte im Oktober nach einer Herrentoilette. Antwort: sie sei noch nicht vor
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|handen, er plane aber, eine einzubauen; nach Weihnachten sei sie fertig. "Wenn Du es bis dahin noch hintanhalten kannst ......." –
Stand der Augensache: Seit ich am Sonntag den 16.X. die Klinik verlassen habe, ist keine Behandlung weiter erfolgt. Ich war nur noch zweimal zur Feststellung des Befundes oben. Dieser soll – nach objektiven Methoden geprüft – besser sein. Ich will das nicht bestreiten. Der Zustand ist wechselnd. Wenn ich etwas aufschreibe, was mich innerlich stark beschäftigt, merke ich garnichts von Behinderung. Manchmal ist es wieder recht schlecht. Die künstliche Durchblutung des Gehirns hat aber chokartig gewirkt. Seitdem hatte ich Gefühle im Kopf, wie wenn ich mich stark überarbeitet hätte oder demnächst einen Schlaganfall bekäme. Nur allmählich klingt das wieder ab. Harms trägt diesem Sachverhalt dadurch Rechnung, daß er eine Pause in der Behandlung
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| macht – eben seit dem 16.X. – Bährs hatten von der Wunderwirkung eines Mittels in ähnlichem Falle gehört. Sie ließen es aus Freiburg kommen; es war Crataegus. Bei mir erzeugten 2 x 10 Tropfen die ungünstigste Wirkung.
Ich habe 2 Kleinigkeiten für den Druck vollendet: 1) die Gratulation zu Litts 75. Geburtstag am 27.XII. 2) die Besprechung des Buches "Ludwig Beck, Studien (größtenteils Vorträge aus der Mittwochsgesellschaft), die der General Speidel herausgebracht hat. Damit sollen nun endlich meine schon 1947 geschriebenen Erinnerungen an Beck verbunden werden.
Susanne, die heute mit dankbarer Freude Deinen lieben Brief erhalten hat, liest mir jeden Tag 1–2 Stunden vor. Das Verfahren will beiderseits gelernt werden. Gut Gedrucktes kann ich auch lesen, aber nicht mehr als 1–2 Stunden.
Gestern war Flitner sr. hier, was immer eine belebende Begegnung bedeutet.
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| Am 28.X. soll Wenke kommen. Auch Louvaris steht vor der Tür. Ich werde wohl das Seminar absagen. Dann hoffe ich im November für eine Reise beweglich zu sein, falls nicht die Behandlung wieder einsetzt.
Vermutlich ist der Blutdruck bei mir an allem schuld. Auch Du solltest Dein Konto mit einem harmlosen Mittel etwas entlasten: Kaufe Dir Zirkulin; das sind Knoblauchpillen; 3 x 2 am Tage. Früher hat das bei mir gut gewirkt. Salz vermeidest Du doch? Es gibt ein harmloses "Meersalz", recht teuer, aber für die Gesundheit nicht zu teuer.
Der Herausgeber der Hegelausgabe Prof. Hoffmeister in Bonn ist mit 47 Jahren gestorben. Eine unermeßliche Tragödie für die Wissenschaft!
Sonst wüßte ich nichts Neues, sondern nur Uraltes: die wärmsten Wünsche für Dein Wohlergehen. Das Kinderbild kommt mit vielem Dank zurück. Kinder versprechen immer viel; mögen sie es auch halten!
Alle grüßen. Innigst
Dein
Eduard