Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 21./22. Februar 1955 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 21.II.55.
Mein geliebter Freund!
Ein dauernd bewölkter Himmel läßt mich vorläufig noch nicht zum Genuß der sonnigen Wohnung kommen und leise, mit tanzenden Flocken sammelt sich der Schnee immer wieder auf dem Balkon! Aber umso behaglicher ist es im Zimmer, und ich freue mich dauernd darauf, wenn Du es so um den 12.III. herum wieder besehen wirst. Es nimmt auch täglich zu an gewohnter Ordnung, obgleich ich noch immer sehr faul und schlafsüchtig bin. Kleine notwendige Ausgänge sind mir noch unerwünschte Aufgabe und ich begnüge mich mit der Luft, die ich schöpfe, wenn ich das Meisenfutter auf dem Balkon kontrolliere. – Das Päckchen mit den paar Federn wird Dir gesagt haben, daß ich Deinen
[2]
| Auftrag nicht vergessen habe; aber nun hoffe ich noch zu hören, ob die Sorte auch richtig ist?
Innerlich froh hat mich Deine Sorge gemacht, ich könne nun vor lauter Eifer in Befolgung Deiner Ratschläge in Verschwendungssucht verfallen! Aber da ist noch keine Gefahr. Die Rechnung vom Tapezier habe ich freilich noch nicht. Aber er hat nur mit Hilfe einer bereits gebrauchten Stange einfache weiße Schirtingvorhänge aufgemacht, die ich schon in der Rohrbacherstraße hatte. Der Bedarf an Lampen ist bisher nur: erneuertes Kabel und 2 Birnen mit anderer Voltstärke. An Bodenbelag ist absolut notwendig nur ein rechtwinkliges Stück Linoleum in der Ecke zum Kleiderschrank und Waschtisch. Das Weitere kann sich erst im Gebrauch herausstellen. Störend, (fürs Linoleum sprechend) ist mir auf dem Parkett die bleibende Spur, die
[3]
| Besucher mit Schnee an den Schuhen zurücklassen. Aber das hat Zeit, bis Du mal wiederkommst.
Mehr Gedanken macht es mir, daß Du über erneute Beschwerden klagst. Ist das, was Du als "Schelling" zu bezeichnen pflegst, nicht eine nervöse Sache? Gibt es da nicht allerlei harmlose Hausmittel wie Baldrian, Bomural, Tee's allerlei Art? Ich hoffe sehr Du hast da schon eine Abhilfe gefunden. — Du sprachst davon, daß Du Dich sehr aufgeregt hättest – – es wurde mir nicht ganz klar, wie Du es gemeint hattest, und hatte beinah den Verdacht, es sei um meinetwillen gewesen. Das wäre mir sehr leid. Denn mit Deiner so eingehenden Hülfe, Deinem Rat bis in alle Einzelheiten hast Du mir praktisch und seelisch so sicher geholfen, daß alles merkwürdig glatt gegangen ist. Auch jetzt noch, mit Deinem letzten lieben Brief bist Du mir, wie immer, so tröstlich nahe. –   Denn ich bin persönlich im besten Wohlbefinden, aber um meine Schwester bin
[4]
| ich in ernster Sorge. Die Nachricht von ihrem Unfall bekam ich gerade in der Stunde meiner Ankunft hier, und fand erst am Abend Muße, sie zu lesen und eigentlich garnicht voll zu erfassen. Jetzt schreibt sie mir nun, daß am 9.II., nachdem das Bein einigermaßen abgeschwollen war, ein erheblicher Eingriff gemacht werden mußte. Die Operation hat 3 Stunden gedauert, und nach wiederholten Röntgenaufnahmen hat ihr langjähriger (ich glaube Studien-)Freund (von Carl) wie dieser ihr sagt, "mit einem Stückchen Draht, einer Schraube und einem Nagel ein Meisterstück geschaffen." Nun ist sie vom Knöchel bis über das Knie mit Gips verpackt. Wird es glatt heilen? Ist es nicht natürlich, daß ich dabei an Litt denke? Vielleicht ist sie geduldiger, als der lebhafte Mann! Da denke ich mit großer Sorge und treuen Wünschen viel an sie. Über
[5]
| die Art wie ihre fehlende Kraft zuhause ersetzt wird, habe ich nichts gehört. –
Es ist jetzt 9 Uhr abends, und im Hause ist es still wie um Mitternacht. Ich habe auch nicht den Mut, noch an den Briefkasten zu gehen, so gern ich möchte, und obgleich er nur über die Straße entfernt ist. Ich weiß noch nicht, wann das Haus geschlossen wird. Falls ich mal in einen Vortrag oder Konzert will, bekäme ich den Hausschlüssel, aber daran denke ich vorläufig garnicht, riskierte es auch nicht allein!
Die Besucher, die anfangs in hellen Haufen kamen, sind jetzt selten. Nur Frau Buttmi und Frl. Ingold waren in den letzten Tagen da, aber jede einzeln.

22.II. Und da ist gestern die Müdigkeit zu groß geworden, sodaß ich ihn erst jetzt fortbringen kann! Verzeih die Bummelei, ich bin ja in
[6]
| Gedanken fortwährend mit Fragen und allem was mich beschäftigt bei Dir, aber der Tag beginnt hier so spät, wie er abends früh schließt. Die Schwester Maria versichert zwar, man solle nicht denken, daß man hier im Gefängnis sei, aber man ist doch etwas in der Bewegung gehemmt. Vor allem durch die späte Heizung! Mit umso wärmeren Grüßen schließe ich also recht spät diesen Brief und hoffe, daß es Euch gut geht und daß der 19. recht froh verlief.
Immer mit treuen Wünschen
Deine
Käthe.