Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 27./28. Februar 1955 (Heidelberg)


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Heidelberg. 27.II.55.
Mein geliebter Freund!
Nun ist schon fast ein Monat vergangen, seit ich in diesem Hause bin. Ich staune noch immer, daß das alles so rasch und glatt vor sich ging, eigentlich etwas nachtwandlerisch, mehr passiv, als aktiv. Und immer mehr scheint es mir, als wäre es das einzig Richtige für mich. Möge mir nicht nochmals eine Änderung beschieden sein! Man redet immer hier von einem Neubau für Heimzwecke! Diese Sache hier ist nur eine gemietete Wohnung. – Am 25. zeigte sich zuerst, wie hell die Lage ist und heut habe ich so etwa von 12 Uhr ab Sonnenschein genossen! Das war herrlich. Und ebenso froh war ich auch am 25.II. durch viele liebe Briefe, obgleich zum erstenmal, so weit ich mich erinnere
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| Dein lieber Brief nicht der erste war, der mich am Morgen begrüßte; denn Euer Päckchen kam erst mit der zweiten Post. Umso inhaltreicher war es! Dein heiteres Bild gefällt mir ganz besonders, obgleich ich bisher immer das ernste vorzog. Im ersten Moment empfand ich wohl etwas das Widerstrebende in den Mundwinkeln, aber aus den Augen strahlt wieder die ernste Klarheit in ihrer beherrschenden Überlegenheit. Das Bild ist schön. Wer hat es gemacht? Und auch für den lieben Brief danke ich Dir sehr herzlich. – Ebenso hat mich auch der Brief von Susanne besonders erfreut! Richte bitte ihr und Ida meinen Dank aus für die guten Wünsche und die Süßigkeiten, die mich verwöhnen, aber auf dankbaren Boden fallen! Denn Alter schützt vor Torheit nicht. —
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Am 25. war vormittags Frau Héraucourt da, und meldete die Tochter für den späten Nachmittag an. Zur Kaffeestunde wartete ich lange vergeblich und machte mir schließlich selbst eine Tasse zu dem von der Schwester gestifteten Streuselkuchen. Dann kamen auf einmal noch Hedwig M. u. Frau Franz gleichzeitig mit Rösel Hecht und es gab die erhoffte Kaffeestunde, bis schließlich auch noch Frau Buttmi erschien. Es war gemütlich und nett; und als sie weg waren, kam Hanna Heraucourt die zum frugalen Abendessen blieb. – Ich war garnicht müde und freute mich nur. Natürlich kam dann am Sonnabend die Müdigkeit nach. Aber was schadet das! Ich habe ja nichts zu versäumen. Das heißt – ja! Eigentlich sollte ich eine Menge Briefe schreiben, und kann mich nicht dazu aufraffen. – Nur an
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| meine Schwester und Dich langt es notdürftig. Eine neue Nachricht habe ich weiter nicht. Sie schreibt nur im Glückswunschbrief, daß der Arzt zufrieden sei.
Eine kleine Unannehmlichkeit hatte ich gerade in diesen Tagen. Renate Klauser, die doch von Hermann zu mir geschickt war, brachte mir am 24. einen besonders schönen japanischen Primeltopf. Ich glaubte immun zu sein, aber ich bekam an beiden Händen einen Ausschlag, der mich recht chikanierte, mit schmerzhaftem Jucken. Aber jetzt ist es am Abklingen! Die Primel ist auf Vermittlung von Schwester Maria bei Frl. Schumann, die recht übel dran ist mit hochgradiger Arthritis, und mir die einzige hier zu gelegentlichem Verkehr zu sein scheint. Zwei ganz Alte haben sich trotz des Abwinkens der Schwester zum
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| Gratulieren bei mir eingefunden, und haben sich entsprechend die "Neue" mit ihren Sachen angesehen! Aber das ging ja rasch.

28.II. Und das Gratulieren geht immer so weiter. Heute kam ein Kuchenpäckchen von Kohlers, und die Anmeldung für Gertrud im März. Bis vor kurzem war nun heute Frau Petri aus Rohrbach da, die mir getreulich in den Umzugstage half und ich machte uns einen Kaffee. Jetzt, um 1 ½, bin ich nun eigentlich zu müde, aber der Brief soll unbedingt noch heute fort, wenn er auch garnichts enthält, was des Schreibens wert wäre. Ich hoffe immer, daß ich nun auch bald mit allem Äußeren so in Ordnung bin, daß ich mich recht mit Andacht bei Sonne an die Sekretärsplatte setzen kann. Von Enthaltsamkeit ist bei mir nicht die Rede, wie Du leider von Dir meldest. Ich wollte, ich könnte sie für Dich üben! Ich habe es so gut in
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| diesem Zimmer und jeder neue Besuch ist überrascht, wie viel schöner es hier bei mir ist als früher. Auch das Gehen wird mir wieder leichter und die Sicherheit auf den Füßen nimmt zu.
Es beschäftigt mich, daß Susanne schreibt, sie denke daran, mal herzukommen; auch der Onkel rede ihr zu. Vielleicht verbindet Ihr damit auch einen Besuch in Kronberg? Du wirst daraus gewiß einen hübschen Plan für alle Teile machen und ich freue mich einstweilen auf das Wiedersehen! zusammen und einzeln! Denn ich habe sie sehr lange nicht mehr gesprochen und es mir manchmal gewünscht.
Heute aber fallen mir fast die Augen zu, die mir viel Schmerzen machen. Darum nimm den guten Willen für die Tat und "laß Dir genügen"! Viele, viele Grüße und Wünsche. Der Frost ist ja so weit vorbei, daß ich nicht Sorge zu haben brauche, wegen der Glätte für Dich. Bleibe gesund, soweit "wir" <li. Rand> das verlangen können in unsern Jahren, und habe Dank! Deine Käthe.
[Kopf] Bald schreibe ich auch an Susanne und Ida für ihr Gedenken an meinen Geburtstag.