Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 8. März 1955 (Heidelberg)


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Heidelberg. 8.III.1955.
Mein geliebter Freund!
Ich muß Dir doch unbedingt noch vor Deinem Kommen für Dein liebes Schreiben trotz der Arbeitsfülle danken, und Dir sagen, wie ich mich auf den Sonntag freue. – Aber deine Mahnungen wegen des Frühlingsklimas muß ich Dir entschieden zurückgeben. Denn Du befolgst sie ja selbst nicht! – In der kurzen Zeit am Sonntag werden wir wohl kaum zu einem Spaziergang kommen und ich fände es sehr behaglich, wenn wir bei mir einen Kaffee trinken würden, vorausgesetzt, daß nicht ein unvorhergesehener Besuch uns zur Flucht nötigt.
Deine Andeutung, daß um den 12.III. Dein Besuch hier in Frage kommen würde,
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| hatte mich zu allerlei Phantasieideen verleitet, im Zusammenhang mit Susannes Brief, der von dem Onkel Conrad und der kleinen Christiane sprach, und auch, ebenso wie ich, nach einem Wiedersehen von uns beiden Verlangen äußerte. Da entstand bei mir ein sehr hübscher Reiseplan für Euch; der aber wohl keine Aussicht auf Erfüllung hat. Ich empfinde schon lange jeden Mangel an persönlicher Berührung zwischen ihr und mir, und habe in manchen stillen Stunden darüber nachgedacht.
Besonders freue ich mich, jetzt wahrscheinlich ein wenig Genaueres über Deine Verhandlungen mit Schmeil zu erfahren, die vermutlich auch diesmal etwas berücksichtigt werden müssen. Deine Erwähnung von Pestalozzi veranlaßte mich, Dein Buch über seine Denkformen vorzusuchen und mich damit zu beschäftigen. Es wird
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| mir schwer zu verstehen, wie z. B. die Lehre von Kants sittlicher Autonomie solch grundlegende Veränderung für sein Bild von den drei Lebenskreisen bringt, und nicht einfach als eine fortschreitende Stufe genommen werden kann. Aber ich begreife doch auch die Veränderung des Erziehungszieles. –
Es beschäftigt mich auch lebhaft der Gedanke an Deine Zeiteinteilung am Sonntag. Wirst Du in Königswinter gut übernachten können[über der Zeile] ? und wirst Du durch die Unterbrechung hier nicht genötigt, sehr spät in Tübingen anzukommen? – Darauf werde ich ja nun hoffentlich mündliche Auskunft bekommen.
Mit herzlichen Wünschen begleite ich Deine Reise und hoffe, Dich nicht allzu ermüdet, sondern von guten Eindrücken belebt hier zu sehen. Grüße allerseits und sei selbst gegrüßt wie immer in Liebe von
Deiner
Käthe.