Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 14. März 1955 (Heidelberg)


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Heidelberg. 14.III.55.
Mein geliebter Freund!
Nach diesem raschen Fortgehen gestern bin ich recht betrübt und in Sorge zurück geblieben. Hoffentlich war Deine Weiterreise nicht so beschwerlich, und Heizung und Anschluß nach Wunsch! und ohne störende Begegnung mit Bekannten. Heute nun ist es hier so sonnig gewesen, daß es viel schöner in meinem Zimmer war und es hätte Dir sicher wieder so gefallen, wie das erstemal! Für eine behaglichere Rückwand vom Sopha werde ich sorgen, und auch das sonst noch Fehlende an Decke und Fußboden werde ich besorgen. Es war nur bisher wie eine Art Erschöpfung nach der doch
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| recht merklichen Anstrengung des letzten Vierteljahrs, und ich unternahm nur, was ganz unbedingt notwendig war. Auch die vielen Augenschmerzen waren hinderlich und Du rätst mir doch immer mich zu schonen? Nun mache ich eben zu weitgehenden Gebrauch davon!
Heut habe ich aber mit der Besserung einen Anfang gemacht. Ich bin in Rohrbach gewesen, habe beim Schreiner Viktor das Stück vom Sopha geholt, was er mitgenommen hatte zur Reparatur. Darauf verzichte ich nämlich, weil er das Übrige garzu schlecht gemacht hat. Anschließend machte ich einen gesellschaftlichen Besuch, der schon lange mein Gewissen bedrückt: bei Fölkersamb's, die unten im Hause Buttmi wohnen, und die sehr bereit für Anschluß sind, besonders
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| wegen der alten, etwas leidenden Schwiegermutter. Ich hatte dort keinen Abschiedsbesuch gemacht, weil ich nicht mehr dazu kam. Damit ist nun aber mein Gewissen für Rohrbach beruhigt. – Nicht aber in Bezug auf den Brief von Dr. Drechsler, den ich Dir hiermit zurückschicke. Wir sprachen ja davon, daß wir beide einen guten Eindruck hatten; aber ich versäumte, Dir ihn auch zu geben. Die ganze Familie stand immer im Zweifelsfalle mehr auf meiner, als auf Trudels Seite. Auch die Schwester, Frau Hoffmann in Bonn, schrieb mir sehr nett zu meinem Geburtstag.
Ich war so froh, daß ehe Du kamst, mein Auge wieder abgeschwollen war. Er sah nämlich abscheulich aus! ist aber nichts Schlimmes, nur langweilig. Die Schwester träufelt mir
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| die Tropfen sehr pünktlich ein, und ich nehme auch das Calcistin (ein Superantiallergicum) regelmäßig, denn ich will das Meine tun für die Instandhaltung dieser jetzt recht überflüssigen Existenz. Darum darfst Du auch nicht so pessimistische Sachen sagen, wie gestern. Denn was läge mir denn sonst noch am Leben, wenn Du streiken wolltest?
Bist Du pünktlich in Tübingen eingetroffen? Ich war gerade um 9 Uhr (21!) dabei, das Bett aus der Truhe zu holen und den Alltag im Zimmer wieder herzustellen!

am 15.III. Du siehst, es war gestern abend Zeit, daß ich schlafen ging, denn ich verschrieb mich fortwährend, und werde nie lernen wieviel Uhr es nachmittags ist!! Hoffentlich schreibst Du bald mal eine Karte, ob Du gut gereist bist, und auch Susanne wohl angetroffen hast. Ich grüße Euch alle herzlich und Dir danke ich ganz besonders, daß Du trotz Deiner großen Müdigkeit doch zu mir kamst. Möchten die Examina <li. Rand> ohne Komplikation verlaufen! Wie immer Deine
Käthe.