Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 19. März 1955 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 19.III.1955.
Mein geliebter Freund!
Über Deinen lieben Brief habe ich mich sehr gefreut, ganz besonders weil ich nach dem Eindruck Deines Befindens hier in Sorge war, es könne Dir nicht gut gehen. Du hattest doch schon vorher von Tübingen aus über Mißbefinden geklagt! Worin das bestand, hatte ich nicht recht begriffen. Es scheint ja zum Glück wieder vorüber zu sein, aber die drängende Arbeit besteht nach wie vor und dazu kommen nun auch die Schulsorgen um die kleine Christiane! Es ist doch gut, daß sie in Dir solch einflußreiche Fürsprache hat, und hoffentlich wird die Umschulung auch das Richtige für sie sein.
Es ist mir eigen, daß Ihr nun ganz den Reiseplan habt, den ich in Gedanken für Euch
[2]
| entworfen hatte. Werdet Ihr wohl dann auch auf der Rückfahrt wenigstens eine kurze Unterbrechung hier machen? Es wäre mir wirklich ein Anliegen, Susanne endlich mal wiederzusehen!
Deine Kritik meines vorsichtigen Vorgehens mit der Bekanntschaft hier im Hause hat mich auch viel beschäftigt. Ich glaube nicht, daß da schon etwas versäumt ist. Bei Frl. Schumann war ich [über der Zeile] längst, ein Gegenbesuch fand nicht statt. Bei meiner Nachbarin auf der Seite zur Bahn wurde ich bei meinem Kommen garnicht zum Sitzen aufgefordert, aber wir begrüßen uns auf dem Gang immer freundlich. Auf der andern Seite ist es umgekehrt, und das Entgegenkommen garzu dringlich. – Im nächsten Zimmer sind zwei, die sich nicht vertragen; da werde ich morgen hingehen.
[3]
| Eine davon ist sehr krank, wassersüchtig und gehbehindert. Die andre macht immer rücksichtslos das Fenster auf, sodaß die Schwester eingreifen muß, weil die Kranke darunter leidet. Die Rücksichtslose erklärt dazu, sie käme sich zuerst! Ich traf sie ganz anfangs mal auf der Treppe und sie überschüttete mich sofort mit der Schilderung ihrer schlechten Augen, die ihr jede Beschäftigung unmöglich machen. Ich spürte gleich, daß man da sehr vorsichtig sein müsse. – Dann ist nach der Bahnseite noch ein geteiltes großes Zimmer, aus dem die eine alte Frau zu Verwandten in Wildbad flüchtete, aber jetzt wiederkam, weil es dort garzu kalt ist. – Diese beiden Frauen werde ich auch mal kurz aufsuchen. Aber alles in allem ist es hier garnicht üblich, sich in den Zimmern zu besuchen, und bekannt gemacht bin ich mit jeder. – Es ist gerade
[4]
| die Erfahrung mit der Etagenstimmung in der Peterstraße, die mich doppelt vorsichtig gemacht hat. Ich war so unbefangen entgegen gekommen und suchte gesellschaftlichen Ton im Verkehr, aber Du weißt ja, wie es ausging.
Aber Dein Vorschlag mit den 5 Minuten morgen kam meinen Absichten durchaus entgegen.
Es ist vorläufig noch immer sehr wenig verfügbare Zeit an meinem Tage, weil ich nach zwei Stunden irgend welcher Tätigkeit gleich müde zum Einschlafen bin. Jeden Tag fange ich mit der besten Absicht an, aber noch ist da kein rechter Bestand. Ich hatte mich mit Kaffee und Alkohol auf dem nötigen Niveau gehalten, aber jetzt möchte ich doch wieder zur normalen Lebensweise zurückkehren. – Und dann ist auch gelegentlich eine unerwartete Strapaze. Am vorigen Mittwoch hatte mich Frau Buttmi
[5]
| zum Abend aufgefordert, um ½ 8 "ich könne auch früh wieder weg". Ich nahm das für eine Einladung zum Essen, aber es war nur Gebäck und ein Gläschen Wermut, und dazu Frau Heinrich, ihre Schwester und die Schwester von Frau Buttmi. Es war die übliche ausschließliche Unterhaltung der beiden Leserinnen B. u. H. – und wir beiden [über der Zeile] eigentlich 3 andern gaben Statisten ab. Ich machte mich sehr mühsam um 9 Uhr los. — Es war mir nämlich am Nachmittag schon zuerst Renate Klauser um ½ 4 zum Kaffee gekommen, was mir im Moment schon etwas unerwünscht war, denn ein Vorhaben genügt mir eigentlich. Aber kaum war der Kaffee eingeschenkt, da kam Gertrud Kohler mit Tochter Ursel, die sich mit Tee begnügten und schließlich kam noch Hedwig Mathy, die aber Bewirtung energisch ablehnte. Sie gingen alle beizeiten, sodaß
[6]
| ich rechtzeitig in Rohrbach sein konnte. Aber ich habe mir vorgenommen, solch unlohnenden Abendbesuch nicht wieder einzugehen. Natürlich haben sich die beiden dort gut unterhalten, aber ich sehe lieber jede einzeln.
Und so war es sehr erfreulich, wie gestern überraschend Frl. Ingold kam, die ich lange nicht gesehen hatte. Und Kohlers werden sich voraussichtlich ein andermal vorher ansagen. Es ist mit den Besuchen hier in der Stadt eigentlich nicht anders als in Rohrbach: oft lange kommt niemand und dann alle auf einmal.
Ich muß Dir überhaupt sagen, daß ich der neuen Situation noch nicht so ganz gewachsen bin. Ich vertrödele die Zeit, und vergesse oft was ich vorhatte. Heut war es mir aber eine gewisse Tröstung, daß ich auf einem Ausgang
[7]
| verschienes Wichtige erledigte. Und so hoffe ich wird sich in meinem Kopf auch alles wieder zurecht rücken. Manchmal war es mir nämlich doch plötzlich, als wenn ich aus einem Traum aufwache, als wäre der Zusammenhang des Denkens oder des Bewußtseins unterbrochen gewesen.
Mit inniger Dankbarkeit fühle ich Deine ständige Fürsorge für meine neue Existenz und Umgebung, z. B. den Vorschlag, einen Schirm für den Balkon anzuschaffen. Da wollen wir aber nichts überstürzen. Vielleicht geben die Bäume da bald genügend Schatten.
Auch bei uns ist ein ständiger Wechsel von Schneetreiben und Sonne. Schon war der Waldboden fast frei von weißen Stellen und dann war der ganze Berg und die Bäume dicht bedeckt.
Ich wünsche Dir herzlich, daß Du ohne störenden
[8]
| Besuch zur Ausarbeitung des Vortrags für Baden-Baden kommen kannst. Und hoffentlich ist bis dahin der Winter definitiv vorbei. Im Jahr 88 war auch im März noch so lange Schnee; aber im Norden war es nicht so ungewöhnlich. – Übrigens fangen jetzt auch die Wissenschaftlicher jetzt immer mehr an, die Wasserstoffbombe für die raschen Wetterwechsel verantwortlich zu machen. Aber dagegen zu tun ist überhaupt nichts!
Mit vielen herzlichen Grüßen will ich jetzt Schluß machen. Ich habe in die Nacht hinein geschrieben, weil ich so wach war, wie lange nicht, und auch die Augenschmerzen sind besser. Richte auch, bitte, meine Grüße den Andern aus, ich denke auch mal direkt zu schreiben. Und sei auch Du vorsichtig in dieser unbeständigen Jahreszeit und denke an
Deine
Käthe.

[9]
|
Sonntag abends.
Da ist nun der Brief leider auf dem Schreibtisch liegen geblieben. Denn der Vormittag ging mit den Besuchen drauf. Es verlief alles freundlich, wenn es auch offenbar unerwartet war. – Zum Kaffee war dann Frl. Seidel bei mir, und nun will ich doch noch zur Bahn gehen, um diesen Brief einzustecken.
[10]
|
Frl. Seidel hat sich in dem andern Heim, das Du ja einmal angesehen hast, garnicht persönlich bekannt gemacht. Aber so radikal wäre ich ja nicht gewesen, wenn ich auch immer so glücklich war, meinen Umgang frei wählen zu können. Das werde ich ja auch hier schon durch das lange Zögern eingeleitet haben. Aber ich bin zufrieden, daß es jetzt in Ordnung ist! Und so grüße ich Dich innig.
Deine Käthe!