Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 30. März 1955 (Heidelberg)


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Heidelberg. 30.III.55.
Mein geliebter Freund!
Wenigstens einen Gruß möchte ich Dir gleich noch nach Baden-Baden schicken, wohin Ihr jedenfalls jetzt unterwegs sein werdet. Für Deine lieben Zeilen aus Stuttgart danke ich Dir besonders, denn sie waren eine gewisse Vorbereitung auf die Drucksache, die am Dienstag kam.
Dieses Aufleben einer Zeit auswegsloser Nöte erschreckte mich tief. Was kann Dich nur zu dieser Veröffentlichung veranlaßt haben? –
Noch vor Deinem letzten Besuch am 13.III. begegnete mir zufällig im Geheimfach des kleinen Schreibtisches ein Dokument [über der Zeile] aus gleichen Tagen, das mir ganz fremd geworden war. Ich hätte
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| gern bei Deinem Hiersein davon gesprochen, aber es kam nicht dazu. – Gestern abend habe ich nun Deine Aufzeichnungen der Vorgänge gelesen und es waren mir natürlich manche Einzelheiten nicht so genau bekannt, aber es stieg dafür manche Erinnerung auf an persönliche Begegnungen, in denen Du mir von den Ereignissen erzähltest. Als Gesamtresultat bleibt mir der betrübende Eindruck, wie reif die geistige Verfassung der Wissenschaftler war, nicht nur intellektuell, sondern auch moralisch dem raffinierten Angriff des Nationalsozialismus zu verfallen. –  –  –
–  – Hier sitze ich eben im warmen Sonnenschein am Sekretär, und hoffe, daß es bei Euch ebenso sonnig ist und Ihr ein paar gute Tage dort verlebt. Ich höre mit rechtem Bedauern, daß Du so unter der Häufung der Korrekturen
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| zu leiden hast. Konntest Du Dich nicht dagegen wehren? Denke doch manchmal an Kerschensteiner wie geruhig er die Post sich aufsammeln ließ!! Es ging auch so. –
Aber die Menschen sind jetzt anders. Eben war Frl. Dr. Clauß bei mir, die im Haus einer Patientin Einspritzungen bei Art[über der Zeile] hritis deformans macht, und die mir sagte, daß sie Urlaub genommen habe, weil sie zu erschöpft sei. – Ich bitte Dich, laß es so weit nicht auch kommen, sondern schone Dich, wie Du es mir immer wieder empfiehlst, wo ich doch garnichts zu leisten habe!
Ich wünsche Dir herzlich, daß Dir der Vortrag heut abend zur Freude gelinge und Dir manch freundliche Begegnung einbringe.
Grüße Susanne vielmals und freut Euch der Frühlingswärme, wie ich!
Sei innig gegrüßt von
Deiner
Käthe.