Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 8. April 1955 (Heidelberg)


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Heidelberg. 8.IV.1955.
Mein geliebter, einziger Freund!
Schon seit Tagen hätte ich Dir gern geschrieben, und nun ist es so spät geworden, daß meine treuen, herzlichen Grüße zum Osterfest beinah zu spät kommen. Wichtiges hat sich in der Zwischenzeit bei mir natürlich nicht ereignet, aber die Tage gehen mit Nichtstun auch unerhört schnell vorbei. –
Natürlich hat mich in der Stille immer noch die überraschende Drucksache beschäftigt, die ich wiederholt gelesen habe, denn Du wirst Dir denken, daß ich von den Vorgängen der Zeit vor allem nur die Erinnerung an das persönliche Miterleben bewahrt habe und daß die Einzeltatsachen in ihrem Zusammenhang mir garnicht so genau bekannt wurden. Daß jetzt diese Verdrehung gegen Dich in Umlauf
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| gesetzt wurde, kann ja nur seine Ursache in ganz gemeinem Neid haben. Mir kam dafür sogleich der Verdacht gegen eine ganz bestimmte Quelle, die ich nicht nennen will. – Die vornehme, ruhig sachliche Art, wie Du den Angriff parierst, hat sicher ihre Wirkung getan.
Nach wunderschönen Sonnentagen ist jetzt wieder am Karfreitag ein trübes Regenwetter, das gestern schon einsetzte bei der Abreise von Lieschen Schwidtal. Es waren ganz gemütliche 24 Stunden, die sie hier im Haus zubrachte, teils bei mir, teils in dem Fremdenheim im Unterstock zum Schlafen. Sie habe sich bald an das Vorüberdonnern der Züge gewöhnt. – Am Nachmittag ihrer Ankunft kam gleich ein Besuch von Elsbeth Gunzert, und am Vormittag ihrer Abreise kam die Drechslersche Tochter Frau Hoffmann aus Bonn, mit einer alten Freundin der Familie, die ich auch gut kenne.
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| So geht es immer mit den Besuchen, lange kommt niemand und dann haufenweise!
Darum möchte ich Dich doch heute schon bitten, mir womöglich rechtzeitig mitzuteilen, wann etwa Eure Pläne einen Termin für Heidelberg ansetzen? Denn wenn ich es auch gern sehe, daß Du die Leute meines Umgangs kennen lernst, so teile ich doch die kurzen Stunden, die Du immer nur hier sein kannst, nicht gern mit andern. – Auch die Reinmachfrau, die für den 15.IV. bestellt ist, kann noch am Tage zuvor abgesagt werden! – –
Auf meine Seele drücken viel Briefschulden, wie gewöhnlich. Aber ich finde meist nicht die Energie zum Schreiben. Auch die Geschwister hören selten von mir, so gern ich besonders Nachricht von unsrer Aenne hörte. Schrieb ich Dir wohl, daß sie mir mitteilte, sie habe jetzt einen Verband, in dem sie dann die ersten Gehversuche machen solle? –  – Bei mir ist das Gehen im
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| Augenblick auch klein geschrieben. Außer den kleinen Einkäufen, die es immer zu machen gibt, lockt mich nichts ins Freie. Vielleicht gibst Du mir dazu wieder mal einen erfreulichen Anstoß? – Auch der versprochene Teppich und die Lampe sind noch nicht besorgt! Aber als nach langer Zeit Hedwig Mathy mal wieder kam, war ich nicht zu Haus.
Von meinem Fenster beobachte ich das tägliche Wachstum von Blättern und Rasenplatz. Das kleine Gesträuch vor dem Balkon hatte vor 3 Tagen einzelne weiße Pünktchen, jetzt sind der zarten Blüten schon mehr, als man zählen kann. Und die Vögel bedanken sich für die Dauerfütterung schon mit munterem Singen.
Ihr werdet, wenn das Wetter so bleibt, wohl nichts in den Feiertagen unternehmen können. Möge die Sonne sich für die Reisezeit bereit halten.
Sei innig gegrüßt und grüße auch von mir.
Wie immer
Deine Käthe.