Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 23./24. April 1955 (Heidelberg)


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Heidelberg. 23.IV.55.
Mein geliebter, einziger Freund!
Wie sehr habe ich mich über Deinen lieben Brief vom 21. gefreut! Und vorher brachte mir die Karte Eure Anschrift in Wolfach, sodaß ich an Susanne Nachricht geben konnte. Jetzt nun werde ich besser tun nach Tübingen zu schreiben, denn ich würde Euch kaum noch vor der Rückfahrt erreichen. Sehr viel lieber hätte ich es freilich gesehen, Ihr hättet noch ein paar Tage unterwegs zugegeben, da ja doch allmälig die Sonne an Kraft gewinnt. Hast Du wohl irgend eine angenehme Bank gefunden, um ihre Wärme ohne Anstrengung zu genießen? –  – Natürlich hatte ich lebhaftes Interesse an Deinem Eindruck von Christiane. Ist die Abneigung gegen Prüfungsanforderungen bei ihr ein bewußtes Wiederstreben oder nur
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| Mangel an Disposition? Letzteres wäre mir verständlicher.
Die hübsche Karte mit dem gotischen Giebel und der netten Kuranlage war mir ganz unbekannt. Mir schwebt nur ein altes Städtchen eng ins Tal geschmiegt vor. Aber unser Weg übers Moosenmättle ist mir noch lebhaft im Gedächtnis. – Desto schwächer ist das Gedächtnis und der Kopf überhaupt für die Gegenwart. Das empfand ich so besonders bei Eurem Hiersein. Hat das Susanne nicht auch gesagt? Ich hatte so mancherlei im Sinn gehabt, wovon ich reden wollte, und dann war ich wie benommen. Dein kurzer Bericht der letzten Ereignisse wirkte noch in mir nach. –  – Der Blutleere im Gehirn abzuhelfen hat mir nun Frl. Dr. Clauß 2 Vitamine verschrieben und so wollen wir hoffen, daß das Senilwerden noch ein wenig aufgehalten wird.
Mit großer Anteilnahme habe ich in letzter
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| Zeit die Schäfersche Biographie von Pestalozzi wieder gelesen, und bin nun mit neuem Verständnis bei Deinen "Denkformen". Es bleibt ja immer wunderbar, wie ein Mensch, der so fortgesetzt in allem Praktischen durchweg Mißerfolg hatte, von so tiefer, bleibender Wirkung sein konnte. Es ist eben doch die zündende Kraft seiner lebendigen Seele, nicht die "Methode". – Bei mir hat das Pankower Pestalozzistift schon früh eine Rolle gespielt, ganz besonders durch eine Weihnachtsfeier, wie sie mir durch Aufsagen der Geburtsgeschichte erstaunlich und fremd war. –
Sehr erfreulich war mir der freundliche Besuch von Häbler, der ja eigentlich immer zur Hälfte Dir gilt. Auch bei ihm ist eine ganz ungewöhnliche magische Wirkung der seelischen Einfühlungs- und Mitteilungskraft. Mir war es besonders eindrucksvoll, wie er sagte, daß ja solch Einfügen in ein Altersheim doch
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| auch manche Entbehrung mit sich brächte. Alle Welt sagt einem immer, welch große Verbesserung es sei; aber er hat auch recht. Aber man nimmt es eben als natürliche Schattenseite. –  – Vorgestern war ich nun mal wieder in Rohrbach. Und zwar ging ich zunächst zu Pfarrer Däublin, um mich als Gemeindeglied zu ver[über der Zeile] abschieden. Schon im Fortgehen kam noch die Rede auf Häbler, und da geriet er in die gleiche Ekstase, wie dieser bei Erwähnung Deines Namens und wir verstanden uns vorzüglich in der Schätzung dieses prachtvollen Mannes.

24.IV. Meine stille Hoffnung, die warme Sonne würde doch ein längeres Bleiben in Wolfach veranlassen scheint verfehlt, denn vor meinem Balkon werden die rosigen Blättchen der zarten Kirsche umhergewirbelt. So will ich doch heute noch diesen Gruß zur Post bringen und Dir wünschen, daß Du eine recht dauerhafte Portion erholter Nerven zu erwünschter Arbeit mitgebracht hast. Grüße herzlich von mir, und sei mit vielen innigen Wünschen gegrüßt von
Deiner
Käthe.