Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 1./2. Mai 1955 (Heidelberg)


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Heidelberg. 1. Mai 1955.
Mein geliebter Freund!
Vielen herzlichen Dank für Deinen lieben Brief vom 29.IV., der mir trotz der vielen aufgesammelten Postverpflichtungen so getreulich Bericht über die letzten Tage in Wolfach gab. Mit besonderer Freude spürte ich dabei, daß die kurze Erholungszeit doch mit Befriedigung abschloß. Vielleicht hatte die herbe Luft kräftigere Wirkung auf die Nerven, als wenn die Sonne schon zu sehr gebrannt hätte. Jetzt wenigstens bei dem unmittelbaren Übergang von dem frostigen Frühling zu sommerlicher Siedehitze klagt alles über Ermattung; ich bin freilich damit zufrieden, denn ich habe viel nachzuholen. Aber ich bin auch unglaublich träge, und habe ein recht schlechtes Gewissen. So wollte ich eigentlich heut vormittag recht ausführlich an Dich schreiben, aber ich habe stattdessen still auf dem Balkon gesessen, während die
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| die Stadt von maifeiernden Menschen lebhaft bewegt war. Aber der Kranz der umgebenden Bäume schließt eine immer dichtere Wand um mich ab, die nur leider nicht auch die unaufhörlichen Geräusche nicht abhält.
Mit großem Bedauern höre ich von der langsamen Heilung Zollingers. Da wird mir immer von neuen bewußt, wie gnädig ich damals davon gekommen bin. Diesmal freilich verwinde ich den Chok weit schwerer. Aber die Wundermittel der lieben Fräulein Dr. Clauß werden schon auch bald Wunder tun!
Es beschäftigt mich freilich auch in der Stille so manche Frage, die wohl niemand wirklich lösen kann. Wenn ich Dich so im Vorüberreisen spreche, so sind das für mich doch hinterher immer nur Stichworte, die mich dauernd beschäftigen und manchmal auch ungelöst bleiben, weil ich nicht weiter fragen kann. Ich habe ja auch hier niemand
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| mehr, der mir maßgeblich wäre. Und doch habe ich mir eigentlich das Bedürfnis abgewöhnt, in einen Vortrag zu gehen, z. B. am 5. zu einer Schillerfeier, die hier sogar zweifach zu haben ist. – Aber in der Zeitung war heute von Litt ein kleiner Artikel: "Das Zeitalter der Organisation", der einen stark pessimistischen Grundton hat. Aber der Schluß ist doch, daß es "an uns ist, zu bewirken, daß unter den möglichen Motiven (die "Sache" zu erforschen und zu beherrschen) diejenigen gepflegt und entwickelt werden, bei denen das Menschentum des Betreffenden am besten gedeiht." Ist das nun wohl möglich, ohne eine radikale Umkehr, eine völlige Verlegung des Schwerpunktes? – Im gleichen Blatt stand ein Bericht über die Automatisierung der Arbeit durch Maschinen, die innerhalb eines Jahres 731 000 Arbeitsplätze überflüssig machte. Das gleicht sich in Amerika bei einem Mangel an Arbeitskräften vorläufig aus. Aber wie stände
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| das bei uns im Verhältnis zum Gesamtvolk? Und kann es wünschenswert sein, alles zu mechanisieren, d. h. zu entseelen; der Arbeiter könnte auf diese Methode in 24 Stunden höheren Lohn verdienen, als jetzt in 44 Stunden. – Und was macht er mit der übrigen Zeit? Und ist er mit dem höheren Lohn befriedigt oder wachsen dem entsprechend die Ansprüche?
Überall fühlt man doch solch rapides Tempo der Entwicklung, dessen Folgen verhängnisvoll scheinen.
Möchte doch Dir jetzt eine Zeit relativer Ruhe beschieden sein nach dem ärgerlichen Wiederaufleben längst überstandener Widerwärtigkeiten. Möchtest Du viel reine Freude an der Art erleben, wie man [über der Zeile] an Dein Dr.-Jubiläum feierlich gedenkt. Ich werde rückblickend die Tiefe und den Reichtum des gemeinsam Erlebten fühlen, das mir in seiner gottgewollten Bestimmung schon damals bewußt war. –

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2. Mai. Alles, was mir an täglichem Erleben entgegen kommt, schließt sich mir unwillkürlich zu einem großen Zusammenhang, und bei aller abfälligen Kritik für die heutigen Zustände habe ich ein festes Vertrauen in die stillen, geheimen Heilkräfte des Lebens. Und sie haben sich mir immer wieder bewiesen ganz unmittelbar durch die seelische Teilnahme an der Unermüdlichkeit Deines Wirkens. Wenn Du auch über die Last der großen Korrespondenz klagst, Du kannst doch diese Aufgabe nicht von Dir weisen, denn sie ist ja ein Teil Deines Berufes, und Du streust lebendige Triebkraft damit aus, auch wo Du das Keimen nicht sehen wirst.
Das sind so meine Gedanken bei der Feier Deiner 50jährigen Berufung!
Und nun will ich drüben jenseits der Straße diesen Brief einstecken. Er soll Dich in immer gleicher Liebe grüßen. Viele Grüße auch an Susanne und Ida.
Deine
Käthe.