Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 6. Mai 1955 (Heidelberg)


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Heidelberg. 6.V.1955.
Mein geliebter Freund!
Heidelberg schwelgt im Genuß "seines" neuen Bahnhofes; besonders gestern war allgemeine Erregung und regelrechte Völkerwanderung dorthin. Das habe ich aber erst bemerkt, als ich auf das Zureden von Rösel Hecht mit ihr versuchte, auch dorthin zu gelangen. Mein Interesse dabei war, wie Du Dir denken kannst, nur der Wunsch, den besten Weg zu ergründen, wie man ihn von hier erreicht. Das ist nun leider ebenso resultatlos geblieben, wie das kohlschwarze Gewölk, das da hinter den Bäumen im Westen aufstieg, gewitterdrohend wie mehrfach, aber es scheint sich zu verzetteln. Und den Bahnhof habe ich zwar in seiner vermutlich sehr praktischen Nüchternheit vor mir gesehen, aber ich mußte umkehren, da meine Kräfte erschöpft waren. Rösel ging dann allein weiter und ich sah den besten Rückweg ganz nahe mit der Bahn der Rohrbacher
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| Linie. Aber ich bin überzeugt, daß nach der endgültigen Inbetriebnahme ein Bus die Verbindung mit der Innenstadt besorgen wird.
Davon werden wir uns bei Gelegenheit überzeugen, wenn Du kommst, zum "Sehen des neuen Hauptbahnhofes". Jedenfalls ist mir jetzt die Situation klar.
Ganz so anschaulich ist mir leider die Lage der Schwarzwaldtäler nicht mehr, und ich habe leider garkeine Karte. Überhaupt bleiben mir ja meist nur besonders eindrucksvolle Momente als Bilder haften. Aber die werden mir wieder doppelt lebendig bei Deinen lieben Berichten.
Von meiner jetzigen Existenz kann ich nur zufrieden berichten. Die Mängel, die mich bedrücken, kommen weniger von außen, sondern sind das natürliche Versagen des Alters. Da läßt weniger abhelfen, als z. B. bei meinem
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| schlechten Schreiben durch einen neuen Federhalter, den ich schon seit Jahr und Tag kaufen möchte, denn der jetzige ist mehr ein Haken. Aber ich weiß nicht, ob ich einen besseren finde!!
Obgleich ich eigentlich täglich etwas ausgehe, spielt sich mein Erleben nur ganz in der Stille ab. Hier im Haus ist niemand, der irgendwie interessant wäre. Nett ist es jedesmal mit Frl. Seidel. Hedwig M. hat nach andauerndem Familiebesuch jetzt eine starke nachhaltige Grippe. Die Rohrbacher bleiben aus, und Frl. Reinhard ist für 3 Wochen an der Riviera. Matussek? siehst Du ihn je in Tübingen? Hier ist er verschollen. So fehlt mir hier im Augenblick jede gewohnte Anregung. –  –
Und in der Stille habe ich immer noch nicht ganz den empörenden Angriff aus niedriger Mißgunst verwunden, der bestimmt auch mit von der Seite unterstützt wurde, die ich nicht ohne Grund im Verdacht habe. Wie gut, daß er
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| so überzeugend widerlegt werden konnte durch klare Tatsachen.
Wie sehr wünsche ich, daß in diesen Tagen die Art, wie man Dein goldenes Doktor-Jubiläum feiert, alle Schatten einer gemeinen Eifersucht auslöscht!
Mit ganzem Herzen bin ich bei der Erinnerung an den feierlichen Tag, von dem Du mir damals berichtetest, der stolzen Freude Deiner Eltern und fühle den unendlichen Segen, der davon für Dich und durch Dich in ernster Treue gewachsen ist. Wie dankbar bin ich, daran teilnehmen zu dürfen – durchs ganze Leben.
Die "üblichen" Grüße erwidere ich herzlich, und Dir noch besonders, und wünsche Dir recht andauernden Erfolg der Wolfacher Erholungszeit.
Deine
Käthe.