Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 15. Mai 1955 (Heidelberg)


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Heidelberg. 15. Mai 1955.
Mein geliebter Freund!
Vielen, vielen Dank für all Deine lieben Sendungen, ich weiß garnicht, wo ich damit anfangen soll, so reich hast Du mich wieder erfreut. Und da will ich nur gleich da anknüpfen, wovon ich am meisten berührt bin: an die unerwartete Röntgenuntersuchung, deren Ergebnis sich hoffentlich inzwischen beruhigend geklärt hat. Es war ja uns immer bekannt, daß Deine Lunge sehr leicht gefährdet ist, und so hast Du vielleicht schon lange in der Stille leichtere Störungen überwunden, die im Röntgenbild sich als Narben oder Verkapslungen abzeichnen. Ich bin überzeugt, Du hast die gesunde Kraft, darüber Herr zu werden, und ich bitte Dich innig, Dich nicht von Besorgnissen beunruhigen zu lassen, die
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| wahrscheinlich unnötig sind. Wenn Du unbeirrt Deine Dir gemäße Lebensweise fortsetzt, möglichst oft mit schonenden Ruhepausen (um was ich leider oft vergeblich gebeten habe!) dann kannst Du, so glaube ich, unbesorgt sein. Es ist für Dein Befinden nur schädlich, Dir hypochondrische Vorstellungen zu wecken. –
Du weißt gewiß, daß ich dazu neige, ganz besonders aber in Bezug auf Dich!, Aber bei dieser Sache habe ich alles Vertrauen in Deine bewährte Widerstandskraft, während ich in Bezug auf meine Schwester von Anfang an sehr in Sorge war. Es erwies sich als begründet. Noch habe ich keine Nachricht wieder von ihr selbst. –
Mit tiefer und inniger Freude aber habe ich Deine Schrift über den grundlegenden
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| Wert gelesen, den die Volksschule für das gesamte Leben haben sollte. Ich weiß doch noch so gut, wie Du schon in Leipzig gegen den falschen Standesehrgeiz der Volksschullehrer zu kämpfen hattest, die eifersüchtig auf die Akademiker waren. Und wie klar und einleuchtend kannst Du die geistige Situation darstellen, die für mich bei Pestalozzi garnicht erkennbar wird. Gerade in Fortsetzung der "Denkformen" fühle ich die unmittelbare Wirkung Deiner lebensvollen Darstellung.
Ich werde mich jetzt noch eingehender mit der Schrift beschäftigen, denn es fehlen mir natürlich so manche Kenntnisse aus der Praxis des Lehrers. Da wird Susanne viel besser drauf eingehen können. Bei mir bezieht sich ja immer alles nur auf das eigne Leben zurück. Und da trifft für mich eigentlich die Schule mehr gegen die häuslichen Einflüsse zurück.
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Ein Bild von dem Ehepaar Mann in Marbach habe ich nicht gesehen, aber ich hörte, daß seine Schillerrede sehr eindrucksvoll gewesen sei und freute mich Deiner Bestätigung. Es ging Dir damit, wie mir mit Drechsler, den ich nach seiner pedantischen Art und Weise unterschätzt hatte.
– Aber ich war heut nachmittag durch Renate Klauser am Schreiben verhindert, und jetzt wird hier ganz bald das Lokal geschlossen, sodaß ich nicht mehr zum Briefkasten gehen kann, und ich möchte doch, daß bald ein Gruß von mir Dir zeigte, daß ich mit allen Gedanken bei Dir bin. Wann mag dieser Brief wohl ankommen, der morgen um 6 Uhr abgeholt wird. (Montag)/?
Ich grüße Dich mit liebevollen Wünschen und erwidere auch die Grüße von Susanne und Ida herzlich.
Immer
Deine
Käthe.