Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 19. Mai 1955 (Heidelberg)


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Heidelberg. 19. Mai 55
Ein trüber Himmelfahrtstag.
Mein geliebter Freund!
Was könnte ich an solch kaltem, stürmischen Tage wohl Besseres tun, als zu Dir flüchten! Denke ich doch eigentlich fortwährend an Dich und das ganz besonders seit Deinem letzten Brief. Wie gern wüßte ich, ob die angekündigte Nachuntersuchung stattfand, und was Du dabei erfahren hast? Ich bin über diese Zwangsmaßnahme im Grunde empört. Es erscheint mir als ein Eingriff in persönliche Rechte, dessen Konsequenzen man nicht in der Hand hat. Hoffentlich ist die Sache ohne weitere Erregung vorüber gegangen. Wir wissen doch, daß wir nicht den wissenschaftlichen Mediziner sondern den echten Seelenarzt
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| brauchen, mit Verständnis für den ganzen Menschen. Und da hast Du Dich selbst doch stets am besten bewährt!
Hier ist von solchem Verfahren für die Allgemeinheit noch nicht die Rede.
Und was sonst vorgeht, davon weiß ich so gut wie nichts. So oft ich am alten Bahnhof in die Rohrbacherstraße ging, wurden die totgesagten Schranken gerade wieder geschlossen! Aber hier, zwischen den beiden Tunnels ist der Verkehr spürbar geringer. Hie und da ein Materialzug oder eine einzelne Lokomotive. Aber vorgestern war da ein richtiges Ereignis: ein solcher Zug blieb nahe dem Bunsen stecken, sammelte allen Dampf und kam trotz mächtigen Schnaufens nicht von der Stelle. Nach mehrfachem energischen Pfeifen kam offenbar von rückwärts Hilfe und ich sah, wie mit Nachschub [über der Zeile] die Lokomotive mit über 30 Wagen, bergehoch mit Schottern beladen, langsam vorüber
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| rollten, geschoben von von 2 Lokomotiven! So geht es anscheinend hier überall mit dem so hochgepriesenen neuen Bahnhof.
Auch bei uns im Hause war nicht alles glatt. Schwester Maria ist nervös überreizt durch eine widersetzliche Person, die ich gleich vom ersten Treffen an bewußt gemieden habe. Aber die Gewitterspannung dehnt sich über uns alle aus, jedoch ich hoffe, es wird sich irgendwie lösen. Ein wenig dachte ich schon, ich sei vom Regen in die Traufe gekommen! Und hier kann ich nicht einfach die Flucht ergreifen.
Es ist ein merkwürdiges Übereinstimmen in der allgemeinen Unbeherrschtheit. So klagt auch Frau Buttmi über den Mangel an Erziehung bei ihrem allerliebsten Enkel, der förmliche Tobsuchtsanfälle bekommt.
Da ist es eine wundervolle Zuflucht in der eignen stillen Stube. Ich habe doch schon ein wenig anfangen können, eine gewohnte Ordnung inne
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| zu halten, abgesehen von der gegebenen Hausordnung. Nur sind die Kräfte und der Kopf "nicht weit her". Doch habe ich Frl. Dr. Clauß erklären können, daß es mir zunehmend besser geht, und sie unterstützt das mit anregenden Mitteln. s. Beilage. Und riet mir auch Liebigschen Fleischextrakt, was mir sehr einleuchtet, da ich es schon in meiner Jugend schätzte.
Draußen schüttet es in "Strippen", was sicher den Bäumen wohltut, die mich mit ihrem Laub immer mehr einschließen. Du wirst erstaunt sein, wenn Du mal kommst. Aber morgen hat sich Hedwig Mathy nach langer Zeit mal wieder angesagt, und am Montag war Lotte Reinhard da, prachtvoll erholt von drei Wochen an der Riviera. Eine Mitbewohnerin nannte ich Dir wohl schon, mit der ich etwas bekannt zu werden hoffe: Frl. Schumann, frühere Musiklehrerin. Sie ist ein Mensch mit allgemeinem Interesse.
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| Aber das bleibt zum Glück hier in einer gewissen Distanz. Meine Nachbarin in dem Eckzimmer neben mir habe ich heute besucht. Sie hat etwas erdrückend Langweiliges, und ich muß mich nur in acht nehmen vor ihrer gutmütigen Liebenswürdigkeit. Sie wollte mich von Anfang an in ihre Obhut nehmen. Damit hatte ich keine guten Erfahrungen gemacht!!
So habe ich manch stille Stunde für mich gehabt, und mich immer wieder in Dein neues Volksschul-büchlein vertieft. Ich mache mir Notizen, um das was mich beim Lesen fesselt, festzuhalten. Aber es überwiegt in mir immer der Totaleindruck, wie Du stets den Ansatzpunkt für lebendiges Schöpfertum frei zu legen vermagst. Schon das Wort "Eigengeist" ist so fein, denn es wird nicht Bildungs"ziel", sondern Bildungsgeist gesucht, um organisches Wachstum zu fördern. Ich habe [über der Zeile] es Herrn Buttmi am 17.V., seinem 60. Geburtstag geschenkt, denn bei Beiden findet es sicher
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| Verständnis. Der Mann ist jetzt Lehrer an der Lehrerbildungsanstalt. Er klagt nur über die große Unruhe der heutigen Kinder, obgleich er durchschnittlich Schüler aus guten Familien hat.
Hier im Heim war vor einer Woche eine Andacht, die ein Missionar leitete. Es war das erstemal, daß ich teilnahm, aber ich war angenehm berührt von seiner menschlichen Wärme. Ich glaube, daß ich mit ehrlichem Herzen öfter daran teilnehmen kann.
Es ist entschieden an der Zeit, daß ich mir eine neue Füllfeder kaufe. Er ist wirklich kein Geiz, daß ich mit allerlei nötigen Anschaffungen zögere, ich bin so unsicher allein, und fürchte immer die Sache verkehrt zu machen. – Nur mit der Tasche ist es mir geglückt. Aber Du fandest sie gewiß zu üppig. Das kam aber daher, daß mir Frau Buttmi zum Geburtstag ein kleines, höchst unpraktisches Exemplar geschenkt hatte, das ich mit Zuzahlung so gut umtauschen konnte!
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Beinah wäre ich gestern mit den beiden Rohrbacher Freundinnen in die Missionsausstellung in der Heiliggeistkirche gegangen. Aber ich komme meist nicht über die gute Absicht hinaus. Und es war auch gut, denn ich hörte heut, daß es sehr lange dauerte, und daß die Kirche sehr kalt war. Es gehörte ein Vortrag mit Film dazu.
Gern hätte ich den Schiller-Vortrag von Burckhardt gehört, und hätte auch eine Karte bekommen, aber im 2. Rang 6. Reihe und da fürchtete ich, doch nichts zu hören! Es wäre aber so wenig besucht gewesen, daß man auch weiter vorn Platz gefunden hätte.
Ob ich mich noch einmal wieder zu größerer Entschlußkraft aufraffe? Ich habe ja genug, was mir immer wieder ins Haus zugeflogen kommt, wofür ich Dir immer von Herzen danke. Jetzt bin ich nur etwas in Unruhe, bis ich eine Nachricht über die in Aussicht stehende Untersuchung bekommen habe. Wie unvergeßlich ist mir doch das gleiche bei Strümpell seiner Zeit. Da hatten wir auch zu viel Sorge und Deine gute Natur
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| hat ihre Heilkraft bewährt. Darauf wollen wir vertrauen und – – "nicht zweifeln an dem, das man nicht sieht".
Sehr oft bin ich nachts länger wach, in der Regel so eine Stunde, zu der die Vögel anfangen zu singen. Da sind am fleißigsten die Amseln, aber auch mehrfach der Kuckuck, der oben im Wald ununterbrochen rief. Ich habe nicht gezählt, denn ich bin nicht so begierig auf unbegrenzte Dauer!! Da greife ich dann zu guter Lektüre; angeregt über Deine Erwähnung Roseggers nahm ich den Waldschulmeister zur Hand, den ich seit 92 besitze und gerne las, aber völlig vergessen hatte. Wie ist er mir jetzt ein lebendiges Bild zu Deiner Schrift! – Und dankbar bin ich, wenn Du mir das Exemplar "Ende der Fr.W.Universität" zugänglich machen willst. Wie deutlich sehe ich das Haus vor mir! Das kannte ich schon lange, ehe ich Dich kannte. Nun ist sein Geist ausgewandert.
Aber ich muß nun mit herzlichen Grüßen, auch an Susanne und Ida, schließen.
Mit innigen Wünschen
Immer Deine
Käthe.