Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 27. Mai 1955 (Heidelberg)


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Heidelberg. 27. Mai 55.
Mein geliebter Freund!
Wenn dies auch nicht zum Pfingstfest bei Dir ankommen wird, so will ich doch wenigstens anfangen zu schreiben. Ich war recht getröstet durch Deinen lieben Brief, der meine entschiedene Ablehnung der Zwangsuntersuchung billigte; ich fürchtete, die Sache könnte Dich doch mehr beunruhigen, als sie wert ist. Ich sprach auch Frl. Dr. Clauß, als sie vor ihrer Urlaubsreise vorgestern hier war, von dieser Tübinger Maßnahme und sie war gleichermaßen dagegen. – Gestern hatte ich nun eine ebenso erwünschte Nachricht, wie Deinen lieben Brief, von meinem Schwager, der mir meldete, daß unsre Aenne jetzt nach einer schmerzhaften Gallenblasenreizung
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| mit Rückfall sich jetzt seit etwa 3 Wochen von Tag zu Tag erholt, und bereits von Plänen für eine Sommerreise redet, die sie diesmal gern in den Schwarzwald machen wollte. (Sie gingen in letzter Zeit meist nach Rügen). "Sollte aus diesem Luftschloß etwas werden, so kämen sie bestimmt auch nach Heidelberg," so projektieren sie auf dem "geduldigen Papier", so würden sie etwa in der letzten Augustwoche hier sein. Ich möchte mich nach Wohnung umsehen. Was könnte ich da raten? Vorläufig ist ja durch den neuen Bahnhof alles verändert.
Und so sind meine Gedanken mal erst bei Deiner beglückenden Absicht, am Donnerstag, d. 9.VI. Nachmittag hier zu sein. Laß es mich, bitte, ja rechtzeitig wissen, wann Du eintriffst, daß ich Dich abholen kann. Ich weiß jetzt Bescheid in der Gegend. Es geht ein Bus vom neuen zum
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| alten Bahnhof, sodaß man keine Tage braucht. Die Elektrische reicht nicht ganz an den Bahnhof. Ob Du wieder bei Rodrian wohnen wirst? Dann wäre ja die Unterkunft leicht zu erreichen. Aber denke nicht, Du Lieber, daß Du mich verschonen willst. Ich bin allmälig wieder normal, und die Freude, bei Dir zu sein, gibt mir mehr Kraft als jede Schonung. Darum laß mich mit Dir den neuen Bahnhof einweihen! Der Brief vom 22.V., der vor 20º in den Kasten kam, war am Montag vormittag schon bei mir, ist wahrscheinlich direkt an die Bahn gekommen.
Unsre Bahnstrecke hier ist völlig lahmgelegt, und hinter dem Grün der Bäume ganz versteckt. Aber der Verkehr der Autos ist stellenweise enorm. Von der verheißenen größeren Stille ist nichts zu merken.
Heute hatten wir einen wahren Wolkenbruch, und ich war nur froh, daß ich nicht mehr auf der Straße war. Da hätte kein Schirm genützt.
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Von einem Einfluß, der sicher in Deinem Sinn wäre, bei dem Abschied der Junglehrer auf der Pädagogischen Bildungsanstalt in Sinsheim erzählte Hedwig Mathy, wovon ich gern mit Dir reden wollte, wenn Du kommst. Und ich gebe Dir die Ermahnung zurück: nimm Dich recht in acht bei dieser stündlich wechselnden Temperatur. Wir werden auch jetzt noch um jeden Genuß des Frühlings gebracht. Ich bin froh, daß Du wenigstens manchmal in befreundetem Auto ins Freie kommst.
Von der Temperatur im Hause erzähle ich Dir dann mündlich. Ich bin ja schon an der Markscheide abgehärtet worden! Und alles in allem bin ich hier schon kräftiger geworden.
Sage Susanne recht herzliche Pfingstgrüße und Ida auch. Hat sie es mit dem Herzen, daß ihr der linke Arm so weh tut? So war es bei Tanting.
In Sonne und Sturm immer
Deine
alte Käthe.