Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 11./12. Juni 1955 (Heidelberg)


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Heidelberg. 11. Juni 55.
Mein geliebter Freund!
Voller Freude bin ich noch immer, und dankbar für Deinen lieben Besuch in dem kalten Heidelberg zurückgeblieben. Und nachdem morgens beim Aufziehen des Ladens das Thermometer 10° zeigte, hat mittags die Sonne so warm und fröhlich geschienen, daß die Welt wieder ganz erträglich war. Und mit der Nachmittagspost kam ein eigenhändiges Briefchen von meiner Schwester – Du wirst mitfühlen, wie froh mich das machte! Sie schreibt, daß jetzt wieder mit dem Massieren angefangen wird. Ob sie wieder wirklich gehfähig wird? Ich bin so skeptisch. An ihrer Tapferkeit zweifle ich nicht, aber ob sie noch die Kraft hat?
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Heut vormittag war nun also Gisela Gaßner da, und es ist mir gelungen, die Aufforderung, mit dem Auto mit nach Mannheim zu fahren ins Unbestimmte auf bessere Tage zu verschieben. Sie ist so anhänglich und familienbedürftig, daß ich sie doch nicht einfach ablehnen kann. – Aber es ist doch unbequem, immer Leute "zu behandeln", wie ja auch hier im Haus, wo es übrigens soweit glatt geht.
Wie bist Du denn gestern nach Haus gekommen und wie war die Sitzung? Um ½ 9 (=20 ½) hoffte ich Dich in Ruhe daheim und war selbst so müde, daß ich das Bett herrichtete, und bald schlafen ging. Im ganzen träume ich viel, gleichgültiges Zeug, aber unnötig. So bin ich morgens immer sehr bald wieder müde.
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Frau Buttmi war gestern ganz gemütlich ein halbes Stündchen da. Sie klagte lebhaft über einen Privatschüler, mit dem sie nicht in Gang kommen kann. Er sei nicht eigentlich dumm, aber im Rechnen versage er vollständig. Er ist der Jüngste von 3 Brüdern, v. Hartrott, von denen ich die beiden kleineren in der Bombenzeit bei einem Tiefangriff um die Mittagstunde [über der Zeile] allein auf der Panoramastr. traf, und die so zutraulich mich an der Hand faßten, obgleich wir uns garnicht kannten, das war solch liebes Erlebnis, wie sie sich zu mir flüchteten. Das ist doch immer das Höchste, was ich im Leben suche: seelischen Kontakt. Den kann man nicht wollen, aber welche Gnade des Himmels, wenn man ihn findet! Durch Dich ist mir mein Leben lebenswert.
Die Lektüre Deiner Erinnerungen an das Ende der Berliner Universität hat mich sehr nachhaltig bewegt. Wieviel Kraft, Mühe und Einsicht hast Du an ihre Erhaltung gewendet,
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| und alles war vergeblich gegen eine verständnislose Masse. Wie leicht hatte es da Wilhelm von Humboldt bei der Gründung, im Einverständnis mit einer kulturbewußten Regierung! Hat eigentlich die neue Institution mit Meinecke Deine mühevolle Vorarbeit irgendwie nutzen können? – Ich hätte Deine Schrift so gern noch einmal in Ruhe lesen können, um Einzelheiten, besonders Namen, mir besser einzuprägen, aber es war mir doch lieb, sie möglichst sicher wieder in Deine Hände abliefern zu können. —

12.VI. Aber dieser Gruß soll fort, darum Schluß mit allseitigen herzlichen Grüßen. Fragen wollte ich gern noch, um welche Tageszeit etwa Deine Durchreise auf dem Rückweg von Bonn stattfinden würde, Ich kann zu jeder Stunde kommen, und Du weißt, was es mir bedeutet. Es ist nur im Interesse einer reibungslosen Fügung in die Hausordnung, daß ich mein Fortgehen vorher anmelden kann. Das bedeutet für Dich natürlich <li. Rand> nicht etwa eine feste Zusage, nur für mich eine eventuelle Orientierung. Hoffentlich hast Du Dir bei der erneuten Kälte nicht geschadet! Ich denke <Kopf> beständig mit warmen Wünschen an Dich und bin dankbar und liebevoll
Deine Käthe.