Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 19. Juni 1955 (Heidelberg)


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Heidelberg. 19. Juni 1955.
Mein einziger, geliebter Freund!
Es ist jetzt 7 Uhr vorbei und ich vermute Dich nach dem schwülen, ermüdenden Tage wieder daheim. Der vielgepriesene neue Bahnhof war leider alles andre als gemütlich, aber mich hat Dein lieber Besuch doch von Herzen froh gemacht. Hoffentlich hat Dich die Fahrtverlängerung nicht zu sehr angestrengt!?
Mein Rückweg über Héraucourt's brachte leider einen recht betrübenden Eindruck. Die Mutter lag zu Bett, Hanna hatte den Arzt holen müssen, der aber zum Glück nichts unmittelbar Bedenkliches festgestellt hat. Es war aber ein Schwächeanfall, der jetzt auf Tage Ruhe erfordert und gestern abend hatte sich eine Tochter mit Mann [über der Zeile] für morgen auf der Durchreise angesagt. Zum Glück konnte das Ehepaar bei Bekannten unterkommen, aber es gab Aufregung und Mühe für Hanna, die wieder wie ein Geist aussieht. Über Deine Grüße freuten sie sich; sie sind immer voll Dankbarkeit für Deine Besuche
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| in Reutlingen s. Z.
Jetzt sitze ich auf dem Balkon, und höre die Vögel noch munter singen, aber ich bin ihnen sicher ein Dorn im Auge, denn sie trauen sich vor mir nicht an das Futternäpfchen. Vielleicht werden sie es gewöhnt, daß ich auch noch da bin!
Soeben kam Schwester Maria zum Gutenachtsagen, (Ich habe nämlich betont, daß ich Wert darauf lege, auch wenn ich nicht ärztliche Hilfe, wie Augentropfen oder dergl. brauche) und sie erzählte, daß sie auch auf dem Bahnhof war und die Fülle im Wartesaal II. gesehen hat. Ein Verwandter von ihr ist Stationsvorsteher, und der sagte ihr, die Fülle würde bald nachlassen, denn es kämen vorläufig noch viele Einheimische.?
Die von Dir so geschätzten 2 Herrn waren aber auswärtig, ich traf sie auf der Bahnsteigbrücke nochmals. —  —  — 
Eine innige Freude war mir auch das Wiedersehen mit dem schönen Schmuckstück, das ich so besonders hochschätze und Deiner würdig halte. Und dabei fällt mir ein, was
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| ich vergessen hatte, Dir zu erzählen: Heute morgen beim Umordnen eines Schubkästchens vom Sekretär fiel mir das schmerzlich vermißte bronzene Vögelchen von der alten Uhr der Urgroßmutter in die Hand. Ich wollte es beinah nicht glauben, daß es nun wirklich wieder da ist! Ich hatte mich so ernstlich mit dem Verlust abgefunden! Gerade dieser Tage sprach jemand von dem "Ring des Polykrates"; aber ich muß bekennen, daß ich durchaus keine Bedenken bei diesem Wiedersehen hatte, nur ehrliche Freude. Ich hatte den Verlust als eine gewisse Schuld gefühlt und gemeint, nicht sorglich genug mit dem wertvollen Objekt umgegangen zu sein. Freilich ist auch zum teil der geradezu krankhafte Mangel an Gedächtnis daran schuld, der vorläufig noch nicht überwunden ist, der aber mit dem besseren Befinden und bei ausbleibenden Erregungen bestimmt zu überwinden sein wird. Ich empfand also nur dankbare Freude, keine heidnische Sorge vor dem
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| "Neid der Götter"! —     Gegen 10 Uhr.
Jetzt mußte ich vor dicken Regentropfen flüchten und werde bald schlafen gehen!
Was wird Susanne für Nachrichten von Alpirsbach mitgebracht haben? Ich glaube, daß diese unnatürliche Schwüle gerade für alle möglichen Anfälle Veranlassung ist. Hoffentlich erholt sich der Schwager doch wieder. –
– Morgen wird Hedwig Mathy zum Kaffee bei mir sein. Vielleicht hilft sie mir, notwendige Sachen vom Rohrbacher Speicher zu holen. Da unter dem Dach wird eine schlimme Hitze sein. Aber es wäre mir lieb, eine Begleitung für dies Haus bei mir zu haben.
Und jetzt wünsche ich Dir eine recht gute Nacht! Das Geräusch der Wagen läßt nach und im Hause liegt jetzt schon alles in tiefem Schlaf. – Möchten Dich gute Nachrichten empfangen haben, und unangenehme, die Du andeutetest, Dir fern bleiben! Es grüßt Dich dankbar und innig
Deine
Käthe.

[li. Rand] Bestelle auch, bitte, die Grüße wie immer. Brief soll folgen!
[Kopf] Auch nach dem Resultat der Sitzung bei Springer hatte ich gern fragen wollen. In Wien ist die Deutsche Sprache unterlegen?