Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 30. Juni 1955 (Heidelberg)


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Heidelberg. 30.VI.1955.
Mein geliebter Freund!
Vielen herzlichen Dank für Deinen lieben Brief vom 27. abends. Wie gut war es wieder von Dir, mir trotz der Müdigkeit nach der Reise noch zu schreiben! Du dachtest Dir wohl, wie sehr ich darauf wartete, denn ich wußte ja schon tagelang nicht mehr, wo Dich meine Gedanken wohl suchen könnten. Schon der Wetterbericht hatte mich besorgt gemacht für den südlichen Schwarzwald, denn schon bei uns mußte man trockne Stunden abpassen. Und nicht ohne Grund bedauerte ich Euch, und ich will nur hoffen, daß die unfreiwillige Dusche Euch keine Erkältung gebracht hat. –
Den Anlaß zu dem Vortrag in Littenweiler hatte ich mir schon mit Hilfe von Frau Buttmi zusammengereimt, denn wie konnte sonst solch auf keinem Plan auffindbares Nest zu
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| einem Vortrag von Dir kommen! Du berichtest nun zwar von den wunderbaren Bäumen und der gewinnenden Hausfrau [] ? des Heims, von der erschwerenden Gewitterschwüle, aber nicht von der Art, wie Dein Vortrag aufgenommen wurde. Doch denke ich mir nach der Dauer der Diskussion, daß sich Dir die große Anstrengung doch lohnte. –
Ich war während des 27. dann ganz gefesselt in die Lektüre vertieft, die Du mir zur Feier des Tages zugedacht hattest. Wie anders war doch der Eindruck Deiner Rede im Vergleich mit dem nüchternen Bericht aus der Zeitung, den ich mir herausgeschnitten hatte! Da wird eine ganze Perspektive hinter den Worten sichtbar, die in einem großen lebendigen Zusammenhang steht. – Und meine ganz besondere Freude habe ich immer an der heiteren Überlegenheit, die da zuweilen
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| aufblitzt. – Was mir immer und so auch in dem Volksschulbüchlein das Wertvollste ist, das liegt für mich in der klaren Herausstellung des lebendigen Keimes für neue Entwicklung. Die Ehrfurcht vor dem Leben, das ist keine letzte Stufe, das ist Andacht vor dem Ewigen –  –
Aber ich will jetzt diesen Zettel noch zur Post bringen, damit er noch am Freitag zu Dir kommt. Ich wünsche Euch recht erfreuliche Tage für die kleine Schweizerreise, und vor allem im Zusammensein mit den dortigen Freunden.
Ich will am neuen Bahnhof zu Héraucourts mit herangehen und dort auch Patienten hoffentlich in der Besserung finden. Dabei denke ich auch an Frau Meinecke und Zollinger! Von Hanna Virchow weiß ich nicht einmal, ob sie noch lebt. Sie schrieb nie mehr.
Und nun noch viele, viele Grüße! Bleibe gesund und denke mein! Wie immer
Deine Käthe.