Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 3. Juli 1955 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 3. Juli 1955.
<von fremder Hand:> = Sonntag
Mein geliebter Freund!
Die farbenfrohe (41!). Karte steht immer sichtbar irgendwo in meiner Nähe und erfreut mein Herz. Sie kam so völlig überraschend, weiß ich doch wie ausgefüllt Deine Schreibezeit gerade in diese[] n Tagen ganz besonders war. Ob wohl die Post in umgekehrter Richtung auch so rasch funktionierte? Ich las am Bahnhof, daß ein Postschnellzug um 20.55 nach Tübingen ginge, und daß der Kasten stündlich geleert würde. Ich war bald nach 7 Uhr (19) dort und wüßte nun gern, ob Dich mein Brief noch am Freitag erreichte?
Mit Freude begrüßte ich gestern den sonnigen Morgen, aber es war, wie auch heut, ein trügerisches Lächeln. Hoffentlich seid Ihr, nach den Erfahrungen die letzten Woche, recht für alle Fälle mit schützender Hülle versorgt!
Bei Sonnenschein sitze ich jetzt an der offnen Tür an meinem Schreibtisch und suche in meinem
[2]
| immer etwas benommenem Kopf zu sammeln, was ich Dir gern erzählen wollte. Mein Interesse ist natürlich immer noch sehr bei der Lektüre, die Du mir für den 27. empfohlen hast. Ganz besonders spricht mich natürlich Deine Unterscheidung von Restauration und Wiederaufbau an. Es kränkt mich immer, wenn man das Bewahrende als eine Alterserscheinung bezeichnet. Es gibt doch in der Geschichte der Menschheit das Klassische in seinem bleibenden Wert, und es gilt dies in seinem Geist neu zu beleben. Was sind denn all die Eintagsfliegen der verblüffenden Neuheit! Zeigst Du nicht immer wieder, wo doch der Ansatzpunkt für neues Leben zu suchen ist!
Du weißt ja, welche Liebe ich für das zeitlos Lebendige habe! und wie es mir in immer neuen Symbolen begegnet.
Und doch gibt es auch immer so viel Bedrückendes zu überwinden. So machen mir z. B. Héraucourt's rechte Sorge. Die Mutter, die mir bei
[3]
| jedem Besuch versichert, daß die Fürsorge für die Tochter ihr einziges Interesse sei, ladet sich fortgesetzt auswärtigen Besuch ein, dessen Versorgung sie nicht bewältigen kann, und die für Hanna neben dem Beruf noch zur Last wird. So kommt in der nächsten Woche eine Jugendfreundin der Mutter [über der Zeile] für 2 Wochen und gleichzeitig das jüngste 3jährige Enkelchen für 24 Stunden, die der Vater nur herbringtx [li. Rand] x abgibt u. wiederholt, um die Großmutter zu erfreuen, ohne Mädchen oder sonstige Begleitung. Dabei soll diese Großmutter auf ärztliche Verordnung eigentlich liegen! Da ist ja wirklich zu viel Unvernunft, und es ist nicht zu helfen.
Bei uns hier im Haus kann ich persönlich nur zufrieden sein. Schwester Maria ist freundlich, hat nur zwar draußen öfters eine laute Stimme, aber scheint von meinem guten Willen überzeugt. Sie wird im Laufe der Woche einen sehr nötigen Erholungsurlaub antreten. Und im übrigen bin ich in meinem Zimmer recht ungestört. Entweder auf dem Balkon auf dem Liegestuhl oder auf dem grünen an der offenen Tür lese ich
[4]
| viel – und habe mich nach vielen Jahren mal wieder an den wundervollen Briefwechsel von Schiller und Goethe gemacht. Ich lese langsam, schlage im Düntzer nach und bin von der sichtbaren Ergriffenheit Beider ganz gepackt.
So geht in der Stille ein Tag nach dem andern dahin und ich fühle mich zuweilen wie aus der Zeit gerückt. Aber es freute mich doch, als Lotte Reinhard mir kürzlich sagte, es käme ihr bei mir immer vor wie auf einer Insel.
Fragen wollte ich Dich gern nach dem Namen des Kollegen, [über der Zeile] von dem du mir neulich sagtest, daß er solch bedeutende Schillerrede in Bonn hielt.
Und dann noch etwas ganz Persönliches. In den mir augenblicklich zugänglichen Papieren habe ich vergeblich nach der Aufzeichnung vom Geburtstag Deines Vaters gesucht. Es ist im Juli, und ich schrieb damals an einem falschen Tag. Er sagte da etwas von ultimo, das ich nicht verstand.
Und jetzt will ich für heut mit herzlichen Grüßen Schluß machen. Entschuldige mich auch wegen fortgesetztem Schweigen bei Susanne. Auch Mädi steht ganz dringend <li. Rand> auf meiner Liste! Aber mein Kopf ist immer so müde. Du merkst das <Kopf> ja auch an diesem Zettel. Aber immer in gleicher Liebe
Deine Käthe.