Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 4. Juli 1955 (Heidelberg)


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<Finkenfeder in li. oberen Ecke>
Heidelberg. 4. Juli 1955.
Mein geliebter Freund!
Du wirst denken, ich hätte die Schreiberitis, aber eigentlich ist das Gegenteil der Fall, denn es ist mir beim besten Willen unmöglich, meine Gedanken zu sammeln. Auch was mir im Grunde wichtig ist, verschwindet mir im Schreiben aus dem Bewußtsein. So war es mir eine ganz unerwartete Freude, daß Du mir schriebst, Du wollest Herrn Dr. Bähr bitten, wenn er seine Eltern in Wieblingen besucht, auch mal mich aufzusuchen! Du wirst wohl mein ganz besonderes Interesse für diesen jungen Freund von Anfang an gespürt haben; er hat es mir gleich mit dem Nachwort in der Sammlung Deiner Aussprüche angetan, und natürlich wünschte
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| ich mir, ich könnte ihn wohl mal irgendwie sehen! Aber daß er eigens zu mir kommen könnte, wäre mir nicht im Traum eingefallen. Ich bin so ungewandt, daß ich garnicht glaube, irgend jemand könne Freude am Verkehr mit mir haben. Hältst Du es aber für möglich, daß es für ihn ein wenig Interesse hätte, die uralte Freundin von Dir mal zu begrüßen, dann wäre es für mich eine ganz große Freude. Möge es nur ein günstiger Moment sein, in dem er mich in diesen beengten Verhältnissen hier gerade antrifft!
Ich habe eigentlich beständigen Kampf mit meinem Gedächtnis; im täglich Kleinen, und in wichtigen Dingen. So habe ich kürzlich die Einladung zu Franzens nach einem umständlichen Verhandeln am vereinbarten Tage schließlich vergessen.
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Schrieb ich Dir eigentlich, daß vor einigen Tagen mir die hiesige Bedienung erzählte, sie sei aus Oberschlesien und heiße Matussek? Während sie noch davon sprach, klopft es an die Tür und es tritt ganz unerwartet der jüngere Matussek ins Zimmer. Er will hier irgend eine Arbeit abschließen und dann nach einer Stellung sich umtun. Das gab natürlich eine umständliche, aber natürlich vergebliche Untersuchung nach der eventuellen Verwandtschaft.
Im übrigen habe ich hier täglich den Umgang mit den Vogelpärchen, die schon teilweise den Nachwuchs mitbringen. Am kecksten sind die Finken, aber sie haben auch als Dank mitten im Zimmer diese niedliche Feder zurückgelassen. Ein sehr nachdrückliches Zwitschern meldet mir immer, wenn kein Futter mehr da ist. Leider geht es mir aber öfters durch den Sinn, ob ich
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| nicht auch ein Vögelchen im Kopf habe. Es scheint mir da nicht alles in Ordnung zu sein.
Das Wetter dieser Tage habe ich sehr kritisch beobachtet und danach schien mir wenigstens kein eigentliches Unwetter gedroht zu haben, so daß Ihr hoffentlich ungerupft die Reisetage überstehen konntet. Heute war es hier aber ganz abscheulich, ein ständiger Wechsel und schon um ½ 10 Uhr ein Gewitter. Ich fühlte mich richtig krank. Von einem kurzen Weg kam ich erhitzt und mit feuchtem Schirm nach Haus. Jetzt geht die Sonne hinter lockeren Gewölk leuchtend unter. Aber ohne Schirm gehe ich nicht an die Post – diesmal die alte Hauptpost! – Ob Ihr wohl jetzt schon in Tübingen ankommt? Ich warte geduldig, bis Du in Ruhe Zeit hast, mal wieder zu schreiben. Bleibe nur gesund und gönne Dir Schonung. Oder ist wieder eine Reise in Sicht? – Herzliche Grüße an alle und noch einen extra an Dich von
Deiner
Käthe.