Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 22. Juli 1955 (Heidelberg)


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Heidelberg. 22.VII.55.
Mein geliebter Freund!
Es war heute wieder ein Tag, an dem es überhaupt nicht "Tag werden" wollte. Aber jetzt hat doch die Sonne ein klein wenig Durchblick gewonnen, und ich will bei offnem Fenster am Schreibtisch versuchen, Dir endlich Dank zu sagen für Deine lieben, immer ersehnten Nachrichten. Denn natürlich hatte ich mich doch etwas beunruhigt, daß der Katarrh Dich doch etwas länger belästigen würde. Aber was Du von Deinem täglichen Leben im letzten Brief berichtest, erregt mir geradezu Schwindel. Da ist es mir eine ganz besondere Freude, daß Du trotz dieser ständigen Gedrängtheit der Verpflichtungen doch Dir die Zeit nahmst, mir zu schreiben. Ich danke Dir von Herzen, und ebenso für die "sichtbare Beigabe". – Sehr gern habe ich gehört,
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| daß Du an dem Buch der Ina Seidel Freude hast. Deine einschränkende Bemerkung ist mir sehr verständlich. – Für mich ist eine solche Lektüre besonders eindrucksvoll, weil ich beinah nie moderne, schöne Literatur zu sehen bekomme. Und ich fühlte dabei durchaus, daß ich nur tief menschlich davon ergriffen wurde. Ich verstand die Wahrheit der Wirkung von all den Menschen unter einander. Am tiefsten wirkte auf mich Dominikus, der in sich so klar und fest, und doch ganz voll verstehender Güte für die andern ist. Am wenigsten scheint mir Elisabeth verständlich, die wohl wenig eigne Gestaltungskraft zu besitzen scheint. Aber wie entzückend ist gleich zu anfang in dem Brief der Cornelia das kleine Mädchen geschildert, so völlig unbekümmert in seiner Liebenswürdigkeit. Und ist sie [über der Zeile] nicht damit auch fürs ganze Leben gezeichnet? Ich finde diese wunderbare Leichtigkeit eine beneidenswerte Gabe.
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Wie das so mit den Zufällen im Leben ist, (s. z. B. Matussek!) so habe ich gerade in der Lektüre der Goethe-Schiller-Briefe in Brf. 422 etc. zwischen ihnen lebhafte Verhandlungen über weibliche Schriftstellerei. – Was übrigens die verwickelten Familienverhältnisse des Charlottchens betrifft, so hatte ich mir gleich einen schriftlichen Stammbaum gemacht, sonst wäre ich nie in den Zusammenhang gekommen! Denn ich brauche mehr denn je Notizen für alles, was ich behalten und verstehen möchte. Es ist etwas daran, wenn man das überanstrengte Bewußtsein mit einer Kinoleinwand vergleicht.
So geht es auch immer mit dem was ich vorhabe, Dir zu schreiben, was ich ja eigentlich in Gedanken bei allem tue, was ich erlebe.
Da hat mich der Tod von Hellpach beschäftigt, der so intensiv hier geehrt wurde. Aber wen ich darüber sprach, hatte auch Bedenken dagegen. Bewegt aber hat mich der Tod von Walter Jellinek, den ich schon als Schüler in der Bunsenstraße kannte.
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| Von ihn war ein ungemein warmer Nachruf in der Zeitung, und das (übrigens technisch schlechte) Bild war sehr anziehend. Es gab da durch all die Jahre immer wieder eine leichte Beziehung für mich. –  –
Sehr überrascht war auch ich, Deinen Brief an Minister Simpfendörfer in der Zeitung zu finden, ohne jede vorherige Erwähnung von Dir! In Gedanken war ich schon durch Dein Büchlein vom "Eigenwert[über der Zeile] geist" der Volksschule sehr mit diesen Fragen beschäftigt; und ich hatte schon Herrn Buttmi zur Rede gestellt darüber. Beide [über der Zeile] er und sie sind im Prinzip, oder besser gesagt: in der Praxis ganz einverstanden, aber sie vermissen in der jetzigen Generation den Sinn dafür. Es scheint ihnen offenbar eine schöne Theorie! Denn die Junglehrer wollten nur möglichst schnell in Amt und Brot, – oder studieren. Und die Kinder wollten Kino und Reisen. – Umso mehr tut es not, daß Du den Sinn für das Höhere wieder betont und weckst. Das Buch von Dir sei auch
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| im Lehrerseminar angeschafft, wo Buttmi unterrichtet. –
Ein Vortrag war hier von W. Mehnert, der von einer Reise in den neuen Staaten im südlichen Asien berichtet. Es sei dort überhaupt nichts mehr von deutscher Kultur zu finden. Es sei ihn von maßgeblicher Stelle gesagt worden, man solle deutsche Lehrer schicken. Es wäre ihm aber hier erklärt, es ständen keine zur Verfügung. – Ich glaube, es sind wohl nicht einmal genug für die Heimat! – Wie steht es da bei Euch? Du schreibst von einem fruchtbaren Gespräch mit Stiftsrepetenten? Sind das nicht angehende Lehrer? – – Und wer war der erwartete "sehr merkwürdige Besuch", von dem du später melden würdest? (am 8. Juli)
Ob Ihr Euch für die Ferien wirklich zu Friedenweiler entschließen werdet? Ich habe von Elsbeth Gunzert (Wille) eine sehr bestechende Karte
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| von Königsfeld bekommen. See, Bäume, Villen – Hotel der Brüdergemeinde – jedenfalls ist dort Höhenluft!
Jetzt ¼ nach 7 (19h) nach dem frugalen Nachtessen werde ich noch diesen Brief an die Post bringen. Ich war den ganzen Tag wegen der drückenden Luft, offenbar 99° Wassergehalt, nicht vor der Tür. Also Schluß für heut mit sehr herzlichen Grüßen an "alle", auch an Dich!, mit vielen guten Wünschen für ein zufriedenes Semesterende!
Immer
Deine
Käthe.

[] Schrieb ich schon, daß Hermann etwa am 10.8. auf der Rückreise von Göttingen hier durchkommen will?