Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 27./28. Juli 1955 (Heidelberg)


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Heidelberg 27.VII.55.
Mein geliebter Freund!
Das war eine liebe Überraschung als mir Schwester Germana Deinen Briefumschlag brachte! Vielen Dank! Wie freute ich mich nun auch zu hören, was "der jüngere Kollege des Sokrates" über Musik zu sagen hatte, habe ich ihn doch wiederholt selbst Musik machen hören, und weiß ich doch, wie nahe diese Sprache seinem Wesen verwandt ist! Zum erstenmal war das in der Kantstraße –  – das Haus und die Musik waren inzwischen manchmal in den Hintergrund gedrängt, aber sie sind Leitmotiv geblieben.
Daß auf diesem Wege wohl noch eher wieder der Trieb zu geistiger Gemeinschaft geweckt werden kann, als durch die eigentlichen Schulfächer, schien mir Frau Buttmi zu empfinden, mit der ich die kleine Schrift, die mich natürlich lebhaft beschäftigte, wieder las, als sie mich zur
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| gewohnten Stunde am Dienstag gegen Abend auf dem Balkon besuchte. Sie war zu meiner Verwunderung von dem Volksschulbüchlein nicht so berührt, wie ich es nach dem Eindruck ihrer Wirkung als Lehrerin erwartet hatte. Ich glaube, der Praktiker fühlt immer den Abstand des Selbsterreichten vom idealen Ziel besonders stark. Ich wollte, ich könnte mal mit Otto Kohler von dem Thema reden, der mir immer als der Volksschullehrer, wie er sein soll, erschien.
Verzeih das wiederholte Verschreiben, ich bin recht müde und wollte doch heut noch wenigstens einen kurzen Gruß und Dank senden. Morgen ist die Putzfrau vormittags da, um ½ 4 bin ich wegen einer Brille beim Augenarzt, und abends kommt Frl. Reinhard – Du siehst, es ist beinah so lebhaft, wie bei Dir!! Wann beginnen Deine Ferien, und bleibt es bei Friedensweiler? Ich will nicht ungeduldig drängeln, ich frage nur, weil ich natürlich daran denke.
Herzliche Grüße an alle! In stetem Gedenken
Deine Käthe.

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(abends 6½ = 18½) 28.VII.55.
Soeben finde ich den gestrigen Brief noch in meiner Mappe, den ich heut früh einstecken wollte. Die gute Frau Moser nahm mich den ganzen Vormittag in Anspruch, aber es hat tüchtig zur Ordnung beigetragen. Doch war ich sehr angestrengt und schlief deshalb nach Tisch, bis ich eilends in die
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| Sprechstunde von Prof. Serr mußte. Dort hielt mich seine sehr nette Frau in lebhafter Unterhaltung fest und jetzt wird mir zu Haus meine Versäumnis mit großem Bedauern klar. – Es gab heut wieder ein Gewitter mit starkem Regenguß, aber jetzt erfrischter Luft. 15½°R. Barometer steht meist niedrig und verändert sich wenig, die Nerven reagieren mehr. –
Mit vielen guten Wünschen und innigen Grüßen
D. K.