Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 31. Juli 1955 (Heidelberg)


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Heidelberg. 31.VII.55.
Mein geliebter Freund!
Eigentlich hatte ich schon gestern abend schreiben wollen, während gedämpfte Klänge der Studentenlieder vom Kneiplokal der Saxo-Borussen über den Bahndamm bis in mein Zimmer kamen. Aber – es langte nicht! Wir hatten am Freitag bei üblicher Heidelberger Luft in Zwischenräumen drei Gewitter und danach eine abscheuliche Abkühlung, die auch heute noch anhält. Das lähmte meine Lebensgeister. Aber ich darf wohl hoffen, daß auch am Dienstag mein Brief Dich noch in Tübingen antrifft.
Ich vermute Dich freilich im Aufbruch um für die Reise vorzubereiten. Der heutige Sonntag wird wohl kaum einen Ausflug ins Freie gebracht haben. Sehr begierig bin ich ob Friedensweiler den Sieg davon getragen hat?
Bei mir sind die Gedanken noch viel unter dem Eindruck der Volksschullehrer
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|gesetze, bei denen der Minister offenbar ganz großen Wert auf Dein Urteil legt. Für mich tauchen da ganz besonders die Erinnerungen an Leipzig auf, als Du schon einmal mit dem Widerstand vom Nachwuchs dieses Berufes zu tun hattest. Es wäre doch so schön, wenn man die Einsicht in das wirkliche Ziel dieser begrenzten wichtigen Aufgabe wecken könnte. Es gibt aber leider unter den Studierenden nur wenige Auserwählte. Aber ich meine, Deine Schrift über den "Eigengeist" müsse die Liebe zur Sache lebendig machen in jedem, der wirklich "Lehrer" werden will. (Besonders schön ist da Seite 79 oben!)   Auch Wenke hat sich dazu geäußert! Ob der Minister auch sein Urteil einholte? Vielleicht ist es bei mir etwas Vorurteil, daß dies mir etwas nüchtern praktisch erscheint. –  – Was ist das denn mit dem Schutz-Engel, der Dir ärztlichen Rat erteilt? Hast Du das "Aufgehängtwerden" gut überstanden?
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Ich habe inzwischen mein Dasein in der Stille friedlich weiter geführt. Am 9. will also Hermann mal wieder herkommen, und er hat sich bereits bei Renate Klauser angesagt, die infolgedessen mal wieder zu mir kamn, um die genaue Zeit zu erfahren. Vermutlich schrieb er auch an Gisela Gaßner! – Statt dessen wird aber leider aus dem Kommen meiner lieben, tapferen Schwester nichts. Der Arzt gibt sie nicht vor dem 1. September frei, und dann nur für die direkte Reise. – Ich hatte ja von anfang die ganze Sache recht praktisch betrachtet, so etwa als ein Plänemachen, um die endlose Krankenhausdauer zu kürzen. Aber es ist mir doch recht schmerzlich. –  – Von Mädi hatte ich mehrere inhaltreiche Briefe, die mich zu eingehender Erwiderung veranlassen. Ich bedaure sehr, nicht mal mit Dir darüber sprechen zu können. Es ist Weltanschauung und Erziehung ihrer drei Söhne, was sie beschäftigt. Ich schicke ihr Dein Buch im Inselverlag
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| Goethe's Weltanschauung, und beim zweiten bezieht sie sich schon selbst auf Deine Jugendpsychologie, denn da könnte ich wohl nichts raten.
Von andrer Seite bekam ich noch die Kindheits- u. Jugenderinnerungen der Ina Seidel geliehen und es berührte mich eigen, wie sie von ihrem Vater berichtet, der auch wie der Meine Arzt war und plötzlich starb, wie da auch die Begleitumstände verwandte Züge haben. – Aber es ist in ihrer übrigen Schilderung etwas viel Überschwang. –
Morgen muß ich auf die Krankenkasse, um das Rezept für die neue Brille stempeln zu lassen. Hoffentlich fällt sie gut aus. Gestern war die Kasse unvorschriftsmäßig geschlossen. –
Doch nun will ich auch, wie die ganze Belegschaft hier, schlafen. In einer Woche kommt Schwester Maria hoffentlich recht erholt wieder. – Und morgen geht also Ida auf Reisen; wohl wieder mit einer Reisegesellschaft? – Ihr und Euch beiden wünsche ich ein recht gutes Gelingen des geplanten Unternehmens. Und besonders möchte ich Dich noch warnen, doch ja <li. Rand> in Friedensweiler nicht wieder mit jugendlichem Leichtsinn was zu riskieren!
<Kopf>
Viel herzliche Grüße und noch einige extra an Dich
von
Deiner Käthe.

[li. Rand S. 3] In dem hübschen Heftchen der "Hausmusik" fand ich noch manch schöne Einzelheit.