Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 4. August 1955 (Heidelberg)


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Heidelberg. 4.VIII.55.
Mein geliebter Freund!
In meiner etwas betrübten Einsamkeit weiß ich nichts Besseres zu tun, als Dir zu schreiben. Du bist ja gewöhnt, unnötige Besuche zu empfangen, und einen brieflichen kannst Du ja beliebig beiseite legen! – Wie sehr wünsche ich, Du könntest das auch mit den persönlichen tun! Du solltest so etwas wie ein Abstiegsquartier in der Nähe haben, um dann einfach nicht "zuhause" sein [über der Zeile] zu können. Aber was nützte das ohne die häusliche Umwelt Deiner Tätigkeit! Wie gut hatte es da Goethe, der einfach zeitweise nach Jena flüchtete.
Für Dein liebes Schreiben vom 2.8. danke ich Dir herzlich. Die bessere Schrift, die Du an meinem letzten Brief lobst, wird nun hoffentlich andauern, da ich mich mit dem neuen Füllhalter und dem glatten Papier zurecht gefunden habe.
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| Außerdem hatte ich neulich auch die Lebensgeister mit einem ungewöhnlich starken Kaffee unterstützt. Denn so gern ich auch mein behagliches Unterkommen hier anerkenne, verjüngen kann es mich nicht wieder, und ich habe täglich mit der Überwindung mancher Unzulänglichkeit zu tun, vor allem einem lästigen Schwächegefühl, das erst im Laufe des Tages überwunden wird.
Heut hatte ich mich nun recht auf den üblichen Abend mit Lotte Reinhard gefreut, da meldet Frau Héraucourt, daß ihre Tochter zu mir kommen will, falls ich ihr nicht abtelefoniere. Das tue ich – da kommt eine Karte von Frl. R. ihre Mutter sei unerwartet gekommen; so ist also beides nichts! Und überhaupt ist es nämlich ein Irrtum, daß man meint, die Lage meines Zimmers sei für die hiesigen Besucher günstiger.
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Da ist es tröstlich, daß ich darin meine eigne Welt immer gegenwärtig habe, alles was mir Deine lieben Briefe und Schriften schenken und was mir aus guter Lektüre zufließt. Ganz erfüllt bin ich immer von dem, was die Goethe-Schiller-Briefe in mir anrühren.
Und dann denke ich lebhaft darüber nach, was wohl das spezifisch Weibliche an dem Buch der Ina Seidel ist, das Dich fremd berührt? Vielleicht ist es das was mich kürzlich bei der Lektüre ihrer Jugenderinnerungen ermüdete, daß es mir schien, als ob alles in eine Ebene über der Wirklichkeit gerückt würde. In der Fortsetzung aber, in der Münchener Zeit weckte es mir vieles aus der eignen Vergangenheit auf, das mir ziemlich entschwunden war, denn der eigentliche Inhalt meines Lebens war das noch nicht. –  –  –
Recht begierig bin ich jetzt – Schiller schreibt "ich bin verlangend" – zu erfahren, wie Ihr Eure
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| Reise nun einrichten werdet? Die dauernde Unzuverlässigkeit des Wetters unterstützt wohl den Mangel an Stimmung und Entschlußkraft. –
Was Du in Bezug auf meinen immer unternehmungslustigen Bruder schreibst, entspricht durchaus dem, was ich mir vorgenommen hatte. Es ist nur eigentlich dabei die Hauptsache, daß definitiv über die Möbel bestimmt wird, was nach München, d. h. Tutzing kommen soll, und daß wir deshalb in die Peterstraße gehen müssen. Ich habe mich vorläufig noch davor gescheut, und fand niemand, der Zeit hatte, mich zu begleiten. Es ist noch Einiges für mich dort, was ich hier nicht unterstellen kann, und was mir nützlich wäre, z. B. brauner Vorhangstoff, wie die Möbel etc. Hinter dem Sopha fehlt der Behang noch immer!!
Am Sonntag kommt nun Schwester Maria vom Urlaub zurück, hoffentlich recht erholt.
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| Wir hier haben uns in der Zwischenzeit recht wohl befunden bei der angenehmen und gebildeten Vertreterin.
Du schreibst von Käte Silber, daß sie nach Gastein geht und nach mir gefragt habe. Kommt sie da vielleicht über hier? Ich würde mich sehr freuen sie zu sehen. Aber geschrieben habe ich ihr seit langem nicht, aber oft ihrer gedacht. Du wirst ja ohne weitere Erklärung wissen warum ich immer so tief in Briefschulden stecke. Es ist eine chronische Unfähigkeit zur Aktivität, nur passiv aufnehmen kann ich noch mit Intensität. So regen mich die G-Sch-Briefe richtig auf, und ich fühle die jeweilige Stimmung und Spannung mit. Natürlich meinen Horizont entsprechend.
Vorhin kam Hedwig Mathy mit heran, und hat mich für Montag zur Schwester, Frau Franz eingeladen, bei der sie augenblicklich wohnt, in Vertretung von deren Tochter, die verreist ist. Dort ist ein herrlicher großer Balkon, am Abhang
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| des Heiligenbergs; hoffentlich ist das Wetter dazu günstig, dann wird Kaffee und Abendbrot dort ein besonderer Genuß. – Sehr viel hat besonders auch Schiller mit dem Wetter zu tun und selten ist er damit zufrieden. Einmal mußten sie sogar im Juni heizen. Also ist es nichts mit der Schuld der Atombomben. Ich wollte, wir könnten uns am nächsten Wochenende (um den 14.) irgendwo auf halbem Wege treffen!! Das wäre dann ein Ausgleich für die Tage vorher, vor denen ich mich ein wenig graule.
Jetzt ist es Zeit, schlafen zu gehen. Ich wünsche Dir eine recht gute Nacht! Ich habe ein unheimliches Schlafbedürfnis; aber kommst denn Du in dieser Hinsicht auf Deine Rechnung? Sitzungen bis 10, 11 Uhr und dergl. ist dazu nicht angetan.
Bestelle Susanne recht herzliche Grüße von mir, zu schreiben wage ich garnicht mir zu versprechen. Sie wird ohne Ida manch ungewohnte Mühe haben. Hoffentlich gelingt Dir ein rasches Erledigen der semesterlichen Restbestände und Ihr findet bald ein erwünschtes Ferienziel. In stetem Gedenken
Deine
Käthe.