Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 24./25. August 1955 (Heidelberg)


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Heidelberg. 24.VIII.1955.
Mein geliebter Freund!
Mit großer Freude empfing ich Deine liebe Karte, die mir von guten 4 Tagen in Sigmaringen erzählte. Ich wollte nur, das Wetter hätte Euch noch ein wenig länger verlockt, zu bleiben. Aber ich weiß nicht recht, ob die Gegend dazu genug bieten würde? Auf alle Fälle hat es hoffentlich den Ansturm der Besucher in Tübingen unterbrochen. – Bei mir ist nun eine Pause der Erschöpfung gewesen, die ich überwiegend ganz untätig auf dem Balkon oder auf dem Lehnstuhl verbracht habe, aber heut kommt nun dieser Brief, der mich zugleich freut und erschreckt: von [über der Zeile] Mädi Denn ich will Dir nur gestehen, daß ich ganz
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| heimlich bei mir die Hoffnung hegte, Deine Erwähnung der Verpflichtungen in Konstanz und Stuttgart könnten mit einem Umweg über Heidelberg zusammen fallen. Irrtümlich bezog ich da das Datum auf den August und hoffte auf einen Abstecher zum 31.! Nun hat sich statt dessen Mädi angesagt und es war mir schon lange ein Anliegen, sie einmal wiederzusehen. Wie ist es nun mit dem Termin, den Du mir so leise angedeutet hast? Er geht mir natürlich allem Anderen vor, aber mit Mädis Schreiben ist mir ja direkt die Pistole auf die Brust gesetzt. Immer wieder gibts so unvermutete Schwierigkeiten, die ich nicht zu meistern verstehe!!
Mädi denkt am 30. August gegen abend zu kommen und am 1. Sept. nachmittags weiter zu fahren, am 3. morgens Carl und Aenne
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| aufzusuchen und am 4. in Stuttgart, eine kleine Nichte? abzuholen – – – wie mir scheint eine wilde Hetzjagd, denn dazwischen soll noch ein Besuch in Schorndorf stattfinden bei ihrer anderen Patentante, Frau Fürbringer. Diese war, ebenso wie Mädis Mutter, die unverhältnismäßig viel jüngere Frau eines Mediziners, der damals im gleichen Hause mit Paul Ruges wohnte. Ich habe nun natürlich Mädi zugesagt, obgleich ihre Anmeldung so konfus und hastig ist, wie es etwa von mir sein könnte!
Aber, was hältst Du wohl von Schockbehandlung der Nerven? Ich glaube damit gute Erfahrung gemacht zu haben. Z. B. war mir heut den ganzen Tag so benommen und schwindlig, daß ich mich am liebsten nicht vom Fleck rührte, und nun durch den Schreck der plötzlich veränderten Situation bin ich hellwach und tatkräftig. Also ist doch alles nur Anstellerei. Am besten wirkt aber immer ein froher Eindruck aufs Gemüt. – – –
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Etwas krankhaft erscheint mir aber doch die große Entschlußlosigkeit, die mich zeitweise so unfähig zum Briefschreiben, zur Ausführung notwendiger Vorhaben, wie Einkäufe und dergleichen macht; so habe ich jetzt schon tagelang [über der Zeile] nach längerem Suchen eine nette Heidelberger Briefkarte auf dem Schreibtisch für Ida. Da zweifle ich nun wieder, ob sie noch im Solhof ist? Und möchte sie nun lieber in Tübingen begrüßen. —
Wenn ich mir vornehme, zu schreiben, dann kommt gewiß gerade ein Besuch, der mich müde macht! und dann ist der Elan vorbei! Schilt mich, ich tue es ja selbst. Aber "der Mensch wird schließlich mangelhaft". So kann ich ein mißglücktes Vorhaben dann einfach als erledigt vergessen! Wieder eingefallen aber ist mir, daß ich einem Zeitungsverkäufer in der Hauptstraße Auftrag gab, mir das Exemplar der Illustrierten Woche von 6.VIII. zu besorgen, von dem mir Lotte Reinhard einen Abschnitt mit Deinem Bild zur Ansicht brachte. Vorläufig ohne Erfolg.
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Mit der Lektüre ist es eben wenig; ich bin auch etwas behindert mit den Augen, denen ich wohl zeitweise zu viel zugemutet hatte. Die Enthaltsamkeit tut ihnen aber gut. Hie und da ist aber mal in der Zeitung etwas worüber ich gern Deine Meinung hörte, so etwa: was Du von dem Pädagogus hältst? Es scheint mir ein Praktiker zu sein mit Einsicht, aber von Dir scheint er nichts zu wissen.
Welcher Art war denn der Aufsatz für Buenos Aires? Pädagogisch?
Von der Ina Seidel bin ich jetzt zu den Goethe-Schiller-Briefen zurückgekehrt. Ich habe mit Erschütterung den schmerzlichen Ausklang mitempfunden, wie Angesichts der Ewigkeit die gegenseitige Hilfe in der Gegenwart aufhörte. Jetzt werde ich alles noch einmal lesen.
Bei mir wirkt wohl immer am meisten die lebendige Ausstrahlung von Mensch zu Mensch. Und so war mir im Unverweslichen Erbe das wunderbar glückliche Kindergemüt der kleinen Charlotte die göttlich versöhnende Kraft, von der Dominikus am meisten geerbt hatte. Mag er jesuitisch sein, aber er ist nicht nur "klug", sondern auch "ohne Falsch" und hat für jeden das erlösende Wort in echtem Mitgefühl.
Heut war ich nachmittags wieder zu der Andacht gegangen, die der Stadtmissionar hier mit den alten Krusteln alle 2 Wochen mal hält. Ich hatte eigentlich gezweifelt, ob es von mir wohl nur Rücksicht aus äußeren Gründen wäre, eine innere Unwahrhaftigkeit, aber er fand heut Worte, die auch mir etwas zu sagen hatten und so war es recht. Die Schwester meinte, er lege Wert darauf.
Schwester Maria ist so viel wohler von der Reise gekommen, daß man für sie und uns
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| nur froh sein kann. Unser persönliches Verhältnis hat sich durchaus freundlich gestaltet.

Donnerstag 25.VIII.  Mein lieber, einziger Freund! Da ist nun heute Dein Brief gekommen, der wohl in meinem Gefühl schon einen unbestimmten Druck im voraus ausgelöst hatte. Du wirst es wissen, wie innig ich die Sorge und Bedrohung mitfühle, die Deine erkrankten Augen Dir verursachen. Naturgemäß fürchtet man immer gleich das Schlimmste! Aber das trifft ja nicht immer ein. So weiß ich doch, daß unser Tanting seit Jahren über Beschwerden klagte, die als beginnendes Glaukom diagnostiziert wurden, und es blieb bei dem Beginn. Aber sie hatte ihren Augen nur die normale Betätigung im täglichen Leben zuzumuten, und bei Dir erfordert doch der Beruf ungewöhnliche Anstrengung. – Hat Dir der Arzt nicht raten können, wie man in solchem Fall sie schont und stärkt?
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Hast Du mir doch mit dem echten Kaffee des morgens einen so zutreffenden Rat gegeben, weißt Du nicht etwas Entsprechendes für Deinen Fall? Vor allem möchte ich nach eigner Erfahrung möglichst von ständiger Selbstbeobachtung abraten. Man lernt aber wohl, Schädigung zu vermeiden, und es kommt auch eine gewisse Ruhe aus dem Innern herauf, die der Mensch Gottvertrauen nennt, auch wenn er keinen Kirchenglauben hat. Daran laß uns festhalten.  —   —
– Wohin denkt Ihr denn nun Eure Reise zu richten? Ist der Zeitpunkt nicht durch die geplante Untersuchung verschoben? Meine Gedanken sind ja immer bei Dir, nicht nur jetzt. Und meine innigen Wünsche möchten Dir helfen. –  –Grüße Susanne sehr herzlich, an Ida werde ich nun endlich die längst fällige Karte schreiben.
Wie immer in Liebe   1.Cor. 13,13
Deine
Käthe.