Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 27. August 1955 (Heidelberg)


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Heidelberg. 27.VIII.55.
Mein geliebter Freund!
Tag für Tag geht dies schöne, beständige Wetter über uns hin, und ich muß mir sagen, daß Ihr es noch immer nicht für die Erholungsreise nützen könnt! Aus Deinem lieben Brief konnte ich nicht entnehmen, ob die Reise wohl von der weiteren Untersuchung Deines Auges abhängig ist, oder ob das erst hinterher kommen soll? Meine Gedanken kreisen jetzt natürlich fortwährend um diesen Punkt. Ich hatte Euch in Gedanken schon unterwegs geglaubt, auf dem Wege zu den schönen Seen südlicher Farben und Üppigkeit. Wie leid tut es mir, daß Du das herrliche Bild von Ahlborn nicht kennen gelernt hast, das damals in
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| Kassel bei Mutter Lili hing, als wir bei unsrer Tante Therese zu Besuch waren. Hermann hat es den Russen überlassen. Ich beklage es sehr. – Aber was sinkt nicht in dieser Zeit alles zu den Äußerlichkeiten des Daseins herab, und nötigt immer von neuem um den Frieden der Seele zu kämpfen.
Und selbst im täglich Kleinen geht nichts ohne Komplikationen. Da habe ich heute für Mädi Nachtquartier bestellt, und nun kann es sein, daß sie ihr Kommen bis zum 20. September verschiebt! Es war mir ohnehin unlieb, daß sie ausgerechnet den 31. mit Beschlag belegte, der für mich doch ausschließlich "unser" Tag ist. Und am unangenehmsten ist immer die Ungewißheit. Aber am 30. früh werde ich ja bestimmte Nachricht haben.
Am Montag werde ich nach langer Zeit mal
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| wieder bei Hedwig Mathy sein. Und an Ida habe ich heute endlich auch geschrieben. Durch die Verspätung wars mir eine peinliche Sache und [über der Zeile] wurde ein lahmes Schriftstück. Überhaupt wird mir das Schreiben, außer an Dich, recht schwer. Vollends jetzt, wo ich doch nicht reden kann von dem, was mich bewegt.
So kam am Donnerstag Lotte Reinhard, weltschmerzlich und mit sich selbst uneins, und suchte bei mir Ausgleich. Was kann man da helfen! Es muß doch jeder seine Last selbst anpacken. Aber vielleicht rückt ja das Aussprechen die Dinge in ein anderes Licht.
Bei Héraucourts war die Situation gebessert. Sie hatten den Urlaub der Tochter ohne Reise still zu Haus verlebt und sich tatsächlich erholt.
Bei mir ist jetzt der Briefwechsel Schiller-Goethe wieder Hauptsache. Ich werde ganz still versuchen, möglichst aufzunehmen und auch
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| "zu verstehn, was ich lese."
Für Mädi habe ich Dein Inselbuch über Goethes Weltanschauung. Ausnahmsweise fand ich es im Laden vorrätig. Es ist ein Band mit derselben Vorrede von 1942, aber nicht 1943 gezeichnet sondern MCMXLIX Schrieb [über der Zeile] ich das etwa schon? –  – Und was hat es auf sich mit dem Druck der Rede über die Hausmusik? Ich wollte sie Gretel Franz gern schenken, die ist inzwischen verreist, aber das hübsch ausgestattete Heftchen ist mir noch nicht geliefert. Es eilt nun nicht mehr!
Vielleicht ist dieser Gruß Montag bei Dir. Ich erwarte keine Antwort, und möchte nur von meinem engen und doch konfusen Dasein berichten, damit Du im Bilde bist. Gern wüßte ich nur, wenn Du über Eure Reise entschieden hast. Mit den herzlichsten Wünschen und Grüßen immer bei Dir.
Deine
Käthe.