Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 2. September 1955 (Heidelberg)


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Heidelberg. 2. Sept. 1955
Mein geliebter Freund!
Vielen herzlichen Dank für Deine Karte, die mir endlich von dem Beginn der "Sommerreise" Nachricht gibt. Und ebenso danke ich Dir für den letzten Brief, der mir doch einen Teil der Besorgnisse abnahm, [über der Zeile] durch die mir der vorherige das Herz beschwerte. So konnte ich doch das gute Zusammensein mit Mädi frei genießen.
Es waren nur zu kurze Stunden für alles Mitteilenswerte, aber es war ein schönes ungetrübtes Einverständnis.
Gestern noch erwähnte sie auch, wie sie erstaunt gewesen sei, und wie sie sich geehrt vorkam, daß Du Dich bei der Begegnung
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| mit dem Bielefelder Kollegen ihres Mannes ihrer erinnert hattst. Der Kollege wäre ein kühler, nüchterner Mensch, aber er wäre ganz begeistert gewesen bei dem Bericht von Dir. Du wirst ja verstehen, wie innig mich solch ein echtes Zeugnis Deines Wirkens erfreut. Denn wie viel Spuren Deiner Wirksamkeit bleiben Dir unbekannt. Und ich soll Dir, "wenn es nicht unbescheiden ist", einen Gruß von ihr ausrichten.
Ich habe diese Zeilen auf dem Balkon geschrieben, denn ich möchte Dir gern endlich mal wieder ein Lebenszeichen geben. Seit dem 30.VIII. war ja keine Schreibruhe und gestern nachmittag habe ich viel Ordnung machen müssen und – geschlafen. Denn so lebendig, wie
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| ich auch in solchen Stunden echter Freude bin, es kommt dann doch die natürliche Ermüdung nach. Aber ich fühle doch, wie das Leben dadurch wieder neue Kraft gewinnt.
Wenn ich jetzt nur sicher sein könnte, daß Du Dir zu einer wirklichen Erholung Zeit lassen wirst. Das scheint mal wieder garnicht Deine Absicht zu sein. Möchte doch das Wetter dauernd in Lenzkirch günstig bleiben. Das saubere Hotel sieht recht vertrauenerweckend aus. Wo liegt denn Euer Zimmer und wie ist das Essen?
Von der Gegend sind mir wie immer einzelne Situationen lebhaft im Gedächtnis wie der abendliche Weg von Neustadt durch den dunklen Wald mit den gestürzten Bäumen und der tröstlichen Abendglocke,
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| an die ich hier auf dem Balkon schon oft erinnert wurde. Und dann Boll und das Wutachtal, wo wir einen so steilen Anstieg zur Eisenbahn machten, zum Heimatort des alten Kellners am Bahnhof. – Gestern habe ich mit Mädi am neuen Bahnhof gegessen, im hellen, netten Lokal III. Kl. Das würde Dir auch besser gefallen als das andere, muffige, sogenannte 2! Kl.
Ich möchte den Brief noch in den Kasten stecken, drum für heute Schluß mit vielen guten Wünschen für Eure Erholung. Hier ist keine Gewitterneigung mehr. Grüße die hübsche "gedeckte Brücke" – Sei selbst gegrüßt und sage auch Susanne einen herzlichen Gruß. –  –
Immer und bei allem Guten geht der Gedanke an Dich mit mir.
Deine Käthe.