Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 5./6. September 1955 (Heidelberg)


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Heidelberg. 5. Sept. 55
Mein geliebter Freund!
Eigentlich sollte ich mal wieder Briefschulden erledigen, aber es verlangt mich, nach Lenzkirch zu schreiben! Jeden Morgen habe ich freudig den Sonnenschein begrüßt im Gedenken, wie günstig das für den beschaulichen Aufenthalt auf schönen Aussichtsbänken sein wird. Die lockenden Ansichtskarten mit behaglichen Gasthäusern sammeln sich auf meinem Schreibtisch. Da ist jetzt außer dem idyllischen Königsfeld auch noch der stattliche "Gasthof z. Engel" in Horben-Langackern bei Freiburg gekommen, und steht recht einladend neben dem "Hotel Vogt". Ich aber gehe mit dem Gedanken um, womöglich ehe der Herbst rauhe Tage bringt, mal übers Wochenende zu Kohlers auf den Katzenbuckel zu gehen. – Das wohltuende
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| Zusammensein mit Mädi hat mir das Verlangen nahegebracht, auch die herzliche Beziehung zu den lieben Menschen da oben lebendig zu erhalten. Stillschweigend besteht sie ja immer, aber die menschliche Gegenwart ist doch mehr.
So kann ich mir leider die genaue Situation von Lenzkirch nicht mehr nach allen Richtungen deutlich vorstellen. Es sind nur einzelne Bilder lebendig geblieben. So z. B. ein Wegweiser im nächtlichen Dunkel an der Straße von Neustadt, der Hirahof unter den alten Bäumen, und der Rückweg vom Feldberg über AltGlashütten, als "es nur noch so mit mir ging", wie die Soldaten im Glied! Auch vom Hirsch habe ich die deutlichste Vorstellung nur von der Wand in meinem Schlafzimmer, wo es nicht endende Ohrwürmer gab. – Aber von Storchschnabelwolle weiß ich nichts. Verursacht sie Dir Allergie? Ich kenne das nur von der Grasblüte.

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6. September.
Heute ist nun von früh an Regen, und nach Tisch ein Gewitter mit wolkenbruchartigem Regen. Es hat sich gründlich vorbereitet: vorgestern mit zartem Dunst, rasch ziehend in großer Höhe von Süd-West, gestern der ganze Himmel voll zierlicher Schäfchen und schon in der Nacht begann der Regen. Ich hoffe dringend, daß auch bei Euch Reisenden keine plötzlichen Güsse vorkommen, die Euch einer rücksichtslosen Dusche aussetzten. – Für die notgedrungene Gefangenschaft im Hause ist ja ein Besuch doppelt erfreulich. Ob ich mich bei dem Namen wohl recht erinnere? Mir schwebt ein Geschäft vor mit Schokolade u. dergl. in der Kantstr. oder Kurfürstendamm?? Oder war es eine Beziehung durch die Schule?
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Von Mädi hatte ich einen Gruß mit Ruges, von denen sie Gutes zu berichten hatte. Sie habe meine Schwester viel besser angetroffen, als sie erwartet hätte. Das ist mir eine große Freude. — Aber eine gewisse Unruhe macht es mir schon wieder, daß ein Zusammentreffen für mich mit den Beiden mit wichtigeren Plänen kollidieren könnte. Aenne schrieb schon, als sie die Unterbrechung auf der Hinreise hier absagte, daß sie hofften, auf der Rückfahrt am 29. September hier einen Zug zu überschlagen. – Und noch etwas: Gisela Gaßner kam neulich, und fragte, ob es wohl anginge, daß sie mit ihrem Auto über ein Wochenende Ruges aufsuchten, und ob ich mitwollte? Für mich lehnte ich glatt ab, für sie enthielt ich mich der Entscheidung. – Nun weiß man aber natürlich nicht, ob das mit dem 29. Sept. sicher ist? Du weißt, ja, daß es so leicht Hindernisse gibt. Aber mitteilen wollte
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| ich Dirs doch für alle Fälle.
Zufällig fiel mir kürzlich beim Kramen Dein Brief in die Hand aus Hohfluh 1953, wo Du schreibst, daß Du immer auf plötzliche Schicksalswendungen gefaßt seist, aber daß die Nachricht von meinem Armbruch Dich doch sehr erschreckt habe. Und ebenso, mein geliebter Freund, fühle ich noch immer, seit Du von dem Nachlassen Deines linken Auges berichtet hast. Denn das ist doch von viel eingreifenderer Bedeutung für Deine Lebensgewohnheiten als die vorübergehende Bekanntschaft mit der Chirurgie für mich. Ich weiß wohl, Du wirst diese Wendung gestalten, wie Du in allem den lebensfähigen Keim freizulegen weißt, aber noch sind ja die objektiven Feststellungen nicht ganz geklärt. Etwas beruhigt hat mich freilich
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| Dein lieber Brief vom 28.VIII. über den Befund. Ich hoffe doch, daß die Schonung, die Du Deinen Augen gönnst, sich nützlich erweisen wird, wenn sie auch die Linsentrübung nicht verhindern kann. Jedenfalls aber ist es doch für Dein Gesamtbefinden dringend nötig gewesen, einmal wirklich Ferien zu machen. — Laß mich also, bitte, wissen, wie Deine Pläne sich gestalten, damit ich mir nichts vornehme, was mir Wichtigeres stört.
Ein schöner Sonnenuntergang hat dem Regen ein Ende gemacht. Möge auch bei Euch das Barometer wieder steigen. Und so wünsche ich Euch noch möglichst viele recht behagliche und sonnige Ruhetage und freundliche Begegnungen.
Immer in treuem Gedenken
Deine
Käthe.