Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 18./19. September 1955 (Heidelberg)


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Heidelberg. 18.9.55.
Mein geliebter Freund!
Seit gestern abend seid Ihr nun vermutlich wieder in Tübingen und dieser Brief sollte eigentlich morgen früh mit der ersten Post Euch dort begrüßen. Aber er wird nun erst um die Zeit in den Kasten kommen, denn es ist mir allerlei Störendes dazwischen gekommen. Vor allem ist daran eine grenzenlose Faulheit schuld. Die plötzliche Kälte hatte mich wie gewöhnlich recht gelähmt. Jetzt ist es nun wieder besser mit der Temperatur, und außerdem wurde auch geheizt! Schwester Maria sagte: Ich will keine Kranken haben!
Und ich denke dabei natürlich, wie gut es ist, daß es wenigstens die längste
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| Zeit in Lenzkirch sonnig war, und überhaupt der ganze Aufenthalt behaglich und zusagend. So wird er vielleicht doch trotz der Kürze eine merkliche Erholung gebraucht haben. – Mir sagen alle Bekannten immer, wie wohl ich aussehe, daß ich nur denke, ich könnte davon abgeben. Selbst merke ich nur, wo's fehlt, nämlich: Geistesgegenwart und Gedächtnis. Sehr hingenommen waren meine Gedanken von den Berichten der Moskauer Tage, und ich will nur wünschen, daß die Zusage der Entlassung unsrer noch dort Gefangenen Wirklichkeit wird. Unser Bundeskanzler ist von einer wunderbaren Leistungskraft, Bulganin ist, wie es heißt, (von den Kämpfen der Tage?) krank geworden. Er fehlte beim Empfang des finnischen Staatspräsidenten.
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Weißt Du von dem guten Bild, das in der Illustrierten Woche am 4. August von Dir mit einem Artikel von Wilhelm Gemperle erschien? Ich bin mit der Bestellung bei einem fliegenden Händler im Stich gelassen worden trotz dauernder Nachfrage, aber in einem Laden ganz in der Nähe bekam ich es umgehend geliefert. Dagegen ist das hübsche Heftchen "über die Hausmusik", das ich beim Buchhändler bestellte, und das laut Karte "erst in einigen Wochen" erscheinen sollte, nicht gekommen. Ist das vielleicht nur ein Privat-Druck? Ich schenke doch so gern neue Schriften von Dir an hiesige Bekannte. — Mit Kohlers habe ich jetzt noch nicht Verbindung gesucht, weil es so kalt wurde. Und es stehen Besuche für mich in Aussicht, die erst genau bestimmt werden müssen: Frau Biermann den 26.9, Ruges den 28.9., kommende Woche die Schwestern Mathy zum
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| Kaffee und demnächst Bertha von Anrooy. Sehr würde ich mich freuen, wenn Du Frl. Käte Silber veranlassen könntest auch bei mir eine Fahrtunterbrechung zu machen? – Hatte ich bei meinem letzten Brief an Dich schon nach langer Zeit mal wieder eigenhändige Zeilen von Hildegard Held? Voller Hoffnung, wieder das Studium aufnehmen zu können! Norbert Matussek hält aber die Krankheit nicht für heilbar; er weiß ja aus der Behandlung hier davon.
Sehr viel mehr bin ich natürlich innerlich beteiligt an dem, was Du mit den Augenärzten erleben wirst. Das Untersuchen ist niemals angenehm, aber es ist mir tröstlich, daß Du Vertrauen zum Arzt hast. Ich verlange sehr nach genauer Nachricht und doch ist mirs entgegen, Dir damit Mühe zu machen. Du hast mir ja so vielmals geschrieben in den letzten
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| Wochen, daß ich sehr gerührt und dankbar bin, aber andrerseits würde ich Dirs gern ersparen. Es ist der übliche Gegensatz von Theorie und Praxis.

19.9.  Nun ist doch die Nacht noch darüber hingegangen und der Montagmorgen ist von Waschfrau etc. in Anspruch genommen. Die Sonne will scheinen, aber hinter dem Rollladen waren 9°R! – Ob Du gleich heute zum Arzt gehst? Es wird ein guter Schritt vorwärts sein, wenn Du bestimmt weißt, was Du zu tun hast und was zu vermeiden. Ich denke beständig mit dem Wunsche an Dich, daß der ärztliche Befund sich als günstiger herausstellen möchte, als Du anfangs befürchtet hast.
Viele Grüße, auch an Susanne und Ida, und uns allen noch einige wärmere Herbsttage! Mir bleibt nichts als Hoffnung und Liebe.
Deine
Käthe.