Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 25. September 1955 (Heidelberg)


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Heidelberg. 25.9.55
Mein geliebter Freund!
Vorhin habe ich einen Brief an Susanne zur Post gebracht, von dem ich hoffe, daß er morgen, Montag, früh in Tübingen sein wird. Es ist eigentlich an Euch beide, aber weil ich nicht weiß, ob Dein Beobachtungsaufenthalt in der Klinik noch andauert adressierte ich in die Rümelinstraße; aber ich möchte mich doch auch noch bei Dir persönlich einstellen. Du siehst ja, ich schreibe möglichst gut, damit es Dir keine Mühe macht. Daß es bei mir lebhaft zuging, hörst Du von Susanne. Nun erwarte ich morgen früh 11.33
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| Frau Biermann und am Donnerstag Ruges. Dann wird wohl die gewohnte Einförmigkeit wieder einsetzen. Das Buttmische Enkelchen und die kleine, zarte [über der Zeile] Ur-Enkelin von Onkel Hermann waren bei ihrem Besuch bei mir so liebenswürdig, daß ich große Freude jedesmal hatte. Es ist doch etwas so Liebes um kindliche Unbefangenheit. So gut habe ich mich nie produziert, ich war immer schrecklich schüchtern. Die Kinder von heute kennen das nicht.
Das alles steht für mich beständig auf dem Hintergrund der Gedanken an Dich. Ich glaube mich zu erinnern, daß die Verschlechterung der Sehschärfe doch schon länger nachgelassen hat. Du beklagtest Dich mal, Schmeil hätte einen zu kleinen Druck angewendet, der Dir die Korrektur erschwerte. Das war vielleicht schon ein gewisses Nachlassen
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| Deiner Augen. Auf alle Fälle ist es gut, daß gleich die richtige Behandlung eingesetzt hat. – Womit darfst Du Dich denn außer der "Behandlung" beschäftigen? Mir ist bei diesen Gedanken die Zeit eingefallen, als wir in Freudenstadt Halma und Schwarzer Peter spielten! Damals mußtest Du auch viel Geduld haben.
Wenn Du von Deinem Fenster auf Euer Haus sehen kannst, dann hast Du vermutlich Sonne wie ich an der Markscheide. Hier nehmen die Bäume doch allzu viel fort und wann scheint sie denn überhaupt?! Heut war es kaum mehr als eine Stunde. Die wärmeren Tage waren schnell vorbei.
Im Haus ist es jetzt recht friedlich. Ich bin beinah etwas abergläubig, das auszu
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|sprechen. Aber Schwester Maria ist entschieden wohler und ruhiger, und was an mir ist die Stimmung zu erhalten, das soll gewiß geschehen! Auch mit dem übrigen Publikum bin ich in gutem Einvernehmen.
Viel ausgehen tue ich nicht. Wenns geht, sitze ich auf dem Balkon und mache nur kleine Wege in die Stadt, morgen zum Bahnhof natürlich mit der Elektrischen.
Doch es geht auf 9 Uhr, da will ich noch an den Briefkasten drüben an der Ecke gehen. Drum Gute Nacht! Ich schlafe viel, auch öfters am Tage nach Tisch, aber des nachts träume ich recht lebhaft und unruhig, so etwa, wie ich tags immer irgend etwas suchen muß! Dabei habe ich doch schon wieder eine ganz nette Ordnung in meinen Sachen.
Wir haben Westwind, denn ich höre die Eisenbahn von der Ebene draußen, also gibts wohl Regen. – Viel gute Wünsche und <li. Rand> Grüße Dir und Susanne. Treulich Deine Käthe.