Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 28. September 1955 (Heidelberg)


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Heidelberg. 28.IX.55.
Mein geliebter Freund!
Der Besuch von Frau Biermann war wie immer ein sehr herzliches Beisammensein und Deine liebe Karte gab den natürlichen Grundton für alles. Im übrigen war viel die Rede von der Familie, und die gute Großmutter wußte viel Gutes zu erzählen. Mein Gesamteindruck war, daß die Prügeltheorie in der Erziehung des Schwiegersohnes von den Frauen überwunden wird. Einzelheiten wird sie Dir ja erzählen. Hier interessierte sie sich für Deine Schrift über die Volksschule und über die Hausmusik. Monika wird nicht in die Oberschule kommen, und der Sohn (der ältere?) soll wahrscheinlich auch auf der
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| Volksschule bleiben. – Ich hatte gerade vorher Besuch von der Nichte aus Hofgeismar, wo die gleichen Erziehungsfragen eine Rolle spielen, und ich lernte das zierliche blonde Töchterchen kennen, das, noch knapp im Schulalter, lieber erst im nächsten Jahr anfangen soll. Der Sohn hat auch wie Mädis Ältester auf einem Bau Geld verdient. —
Es ist für mich etwas verwirrend, so viel zu hören von Menschen, die ich nicht persönlich kenne, und zufällig auch gleichzeitig von allerlei Seiten. Das alles zur Zeit, wo ich im Grunde mit meinen Gedanken ganz in Tübingen bin, mehr noch als sonst. Deine Berichte über die vielen Untersuchungen geben mir den Eindruck, daß es eigentlich gut
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| ist, wenn man so den ganzen Tag sachlich beschäftigt wird, da ist der Übergang von der gewohnten ununterbrochenen Arbeit etwas verdeckt. Und dann ist noch etwas, das mir so scheinen will, als ob es Dir eine Hilfe sein kann in dieser Zeit, daß der stete schulpolitische Ärger Dich von dem kleinlichen Parteigezänk immer weiter fern hält. Du hast das geistig Wesentliche hinein gegeben, schon Wenke lenkte in das Organisatorische über, nun sollen die Staatsbeamten die Sache ordnen.
Und im Persönlichen? Mir schwebt so besonders die Erinnerung an die erste Zeit nach meinem Armbruch vor. Nicht daß ich etwa dies Erlebnis mit dem Deinen jetzt vergleichen möchte, nur ein gewisser Grundzug könnte doch auch Dir bewußte Erleichterung
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| sein. Es war als wäre die eigne Initiative ausgeschaltet und ich dachte: ich will sehen, was das Leben von mir will! – Und es ging alles wunderbar gut, und dann half mir, wie immer, Deine treue Liebe!
Viel habe ich auch jetzt besonders an Susanne gedacht, die so nahe mitbetroffen ist. Auf den Brief, den ich nun endlich wirklich schrieb, bekam ich wendend eine liebe Antwort, die Deine Berichte noch etwas ergänzte. Hat sie Dir die kleine Drucksache aus der Illustrierten mitgeteilt, von der Du anscheinend nichts wußtest? Zum Glück ist Bild und Text recht gut; aber ich war zunächst über den Ort dieser Drucksache etwas verblüfft.
Heut war die übliche Andacht und hat mir Schreibezeit weggenommen, war aber recht ansprechend und lebendig. Jetzt aber soll der Brief noch in den Kasten, darum nur noch viel, viel innige Wünsche und Grüße.
<li. Rand> Dank auch an Susanne. Im Vertrauen auf Deine Kraft der <Kopf> Überwindung
Deine
Käthe.