Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 5./7. Oktober 1955 (Heidelberg)


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Heidelberg. 5.X.55.
Mein geliebter Freund!
Die äußeren Bedingungen Deiner augenblicklichen Zwangslage sind so angenehm wie möglich, aber doch fühle ich beständig den Druck der Sorgen mit, die der Patient leidet. Man kann ihm damit aber nichts erleichtern, doch ich danke Dir von ganzem Herzen, daß Du mich teilnehmen läßt. Schwer war es mir, daß die Unruhe der letzten Wochen hier meine Gedanken so sehr abzulenken bemüht war. So war ich bei allem nur halb dabei. Ich weiß nicht einmal, ob ich Dir Einzelheiten erzählt habe?
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| Aber jetzt bin ich wieder mehr bei mir selbst. Doch von zwei netten Zufällen muß ich Dir noch berichten. Als ich bei der Abfahrt von Ruges auf dem Bahnsteig stand, sprach mich plötzlich eine fremde Dame an, und auf mein verständnisloses Gesicht hin sagte sie: ich bin Anita Ruge! Das ist nämlich die Frau von Ludwig Ruge, den Du ja kennst. Auch mit ihm hat ja mein Schwager durch seinen Starrsinn dauernde Verstimmung erzeugt. Diese Begrüßung war mir eine ehrliche Freude. – Nun fuhren die zwei Ehepaare im gleichen Wagen und ich lief wie ein Hundchen von einem Fenster zum andern!! Ob sie wieder versöhnt waren – ich weiß es nicht. Jedenfalls sind so grundsätzliche
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| Verschiedenheiten nicht zu überbrücken. Du weißt ja, wie das als gläserne Wand bestehen bleibt, (s. Wenke! Wie gut, daß mein Schwager noch seine Frau hat, die immer liebevoll vermittelt, wie die Ura! – Als der Zug weg war, ging ich zum Bahnhof hinaus, wie Du, gegen die Elektrische zu, um Frau Héraucourt wegen des Heizkörpers zu konsultieren; da kam mir, frisch von Schwetzingen, Frau Biermann entgegen. Auch das war eine unverhoffte Freude. Davon wird sie Dir gewiß auch erzählen. So geht die Stimmung auf und ab wie das Barometer.
So war es auch mit der Wirkung Deines lieben Briefes. Teils die guten äußeren
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| Bedingungen, und dann die stille Sorge um eine womöglich noch "schlimmere Sache". Bezieht sich das auf die Gefäßstörungen? — ?
Sehr bedauern muß ich, daß ich keine rechte Erinnerung mehr an den Klinikgarten habe, und auch die Rehe vergessen habe. Ich habe nur die unbestimmte Vorstellung von einer hohen Wand Eurem Hause gegenüber, und daß man, wollte man auf den Berg rechts oder links im Bogen in eine Straße aufwärts kam.
Lebhaft erfreut hat mich dagegen, daß der Zufall mir das gute Bild von Dir zuführte, das nicht mal der Verlag an Dich sandte. Ich finde den Text ebenso gut, von echtem Verständnis. Aber ich begreife Deine Ablehnung solcher Besprechungen.
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7. Okt.  Nun ist doch mehr als ein Tag über den Anfang dieses Briefes vergangen und gestern traf sogar wieder ein liebes Schreiben von Dir ein, das mir tröstliche Auskunft brachte, und auf das ich gern gleich geantwortet hätte. Aber ich mußte nach Rohrbach; Frau Buttmi hatte schon in der Woche zuvor Bertha v. A. mit mir eingeladen und da ich von andrer Seite erfuhr, daß diese noch nicht angekommen war, hatte ich die Einladung einfach vergessen und wollte diesmal pünktlich sein. Durch heftige Regengüsse wurde der Ausflug recht anstrengend, und ein Besuch von Frl. Ingold verhinderte mich abends noch am Schreiben.
Ich bin so dankbar, daß Prof. Bennhold
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| so guten Bericht über den Befund geben konnte. Das Elektrokardiogramm ist also kein Maßstab für die Beschaffenheit des Blutdrucks, wohl nur für das regelmäßige Arbeiten des Herzens. Bei mir soll er wohl eher verstärkt werden, denn ich fühle Kaffee und sonstige Belebung nur angenehm. —  — Immerfort sind meine Gedanken zu Deinem Wunsch nach ungestörter Meditation zurückgekehrt. Es war mir ein beglückender Trost, zu fühlen, mit welcher Sicherheit Du Dein reiches Leben in dieser Bedrohung durch hemmende Erkrankung behauptest.
Freilich wird es fürs erste schwer sein, sich bei den Ansprüchen der Klinik zu behaupten. Denn es gehört zum Prinzip
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| der Kur, den Patienten den ganzen Tag zu beschäftigen. Kannst Du Dir nicht verordnen lassen, daß Dir wenigstens die Besucher, die doch allmälig den Weg zu Dir finden werden, fern gehalten werden? Das wird gewiß schon Susanne nach Möglichkeit tun. Sie weiß ja, wer da erwünscht ist. – Die Heimsuchung durch das Pflegepersonal freilich ist immer unberechenbar. So fühlte ich mich nämlich auch hier anfangs vor beständiger Frage nach etwaigen Wünschen bei unverschloßener Tür sehr beunruhigt.
Der Ausblick über die Stadt wird jetzt so wenig Reiz haben, wie hier der über die Pfützen der Anlage. Mit der Wärme im Zimmer kann ich noch zufrieden sein, da täglich geheizt wird. Wir haben ja Öfen,
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| keine Zentralheizung. Vor der Anschaffung eines elektrischen Öfchens muß ich vor allem Rücksprache mit der Schwester und dem Verwalter haben, wegen des Stromverbrauchs.
Fragen wollte ich schon immer, wie es eigentlich mit meiner Schrift ist, ob sie gut zu lesen ist? Was könnte ich dabei besser machen? –  – Hier hieß es gestern, es sei begonnen an dem Bau des neuen, größeren Heims, da draußen jenseits des Neckars. "Wir haben hier keine bleibende Statt." – Auch das ist sinnbildlich. So hast Du mich ja gelehrt durch die "Lebensformen" hinter allem die treibenden Kräfte zu suchen.
Es ist ein sehr trüber Tag heute. Aber das ist nur äußerlich. Im Herzen brennt ein "ewiges Licht". Möge Deine Behandlung angenehme Formen und fühlbaren Erfolg haben.
<li. Rand>
Mit innigen Wünschen grüßt Dich und grüßt auch die beiden da "unten"

<Kopf>
Deine
Käthe.