Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 12./13. Oktober 1955 (Heidelberg)


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Heidelberg. 12.X.55.
Mein geliebter Freund!
Mit großer Beruhigung las ich Deinen lieben Brief vom 10.X. und danke Dir sehr für Deine ausführlichen Mitteilungen. Daß die Spritzen Dich schlapp machen, kommt wohl daher, daß der Körper eben das fremde Zeug verarbeiten muß. Und das scheint er doch vorschriftsmäßig getan zu haben, wenn eine kleine lokale Besserung eingetreten ist. Das hebt meine Stimmung natürlich sehr. Und auch sonst hatte ich gute Nachricht. 1. Einen sehr herzlichen Brief von Hannelore Winterfeld (Enkelin Malkus), die voriges Jahr hier im Engl. Institut arbeitete, und 2. von meiner Schwester, die sehr erfreut von dem Zusammentreffen
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| mit Ludwig Ruges erzählt. Daß ich nie von der stattgehabten Versöhnung hörte, ist ein Zeichen, wie ungenügend eine Briefverbindung sein kann. Und wer denkt denn bei einem Wiedersehen nach drei Jahren gerade an solch eine heikle Frage! –
Weniger "heikel" wäre meine Frage nach Deiner Fahrt mit dem Rektor zur Sitzung der DFG! Aber dies Ereignis ist ja nun [über der Zeile] überholt durch die Fakultätsberatung in Deinem Zimmer. Auf alle Fälle wird Dir solche lockere Verbindung mit dem gewohnten Arbeitskreis erfreulich sein.
Meine lebhafte Beschäftigung ist eben durch die gemeinsame Lektüre mit Lotte Reinhard ein Buch von Rudolf Grabs über
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| Albert Schweitzer, in dem Geiste wie die Zusammenstellung aus Deinen Schriften von Dr. Bähr, aber mit verbindendem Text. Ich fische mir mit Vorliebe seine eignen Worte heraus, und bin sehr stark berührt und ich möchte sagen: bestätigt von seiner Art zu sehen. – Wie freut es mich, daß er Dich kennt und erkennt. Könntest Du mir nicht ein wenig näher sagen, wie er sich äußerte?
Allenthalben kommt er mir eben entgegen. Hedwig Mathy erzählte mir gerade von dem Besuch einer Nichte mit ihrem Mann, die in Günsbach sehr liebenswürdig von ihm aufgenommen wurden. Und heute bei der üblichen Andacht, die von Joh. Briefe 1.4. Vers 21 handelte, sprach der Missionar sehr warm von der Verbindung des Theologen
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| und Mediziners bei Schweitzer. – Ich selbst habe mich besonders für sein Studium der Paulinischen Briefe interessiert. Dieses Nachgehen der lebendigen Wahrheit in Schrift und Kunstwerk ist doch immer das Wertvollste. Und Dir ist es ja in ganz hohem Maße gegeben, dem Geheimnis des Lebens nachzugehen. Wenn man Dir dazu auch im Augenblick keine zusammenhängende Ruhe läßt, es gestaltet sich ja doch in Dir, und Dir wird die Hülle des Vergänglichen durchsichtig.

13.X.  Mit herzlichen Wünschen will ich heut nur den Brief fortschicken. Möchten die "mießen Mediziner" ihre Kunst weiter mit gutem Erfolg an Dir üben und möge Deine Geduld tapfer aushalten. Viele Grüße und Dank auch in der Rümelinstraße. In stetem innigen Gedenken
Deine
Käthe.