Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 19. Oktober 1955 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 19.X.55
Mein geliebter Freund!
Eigentlich hatte ich gestern schon gern schreiben wollen, nun habe ich heute schon Deinen lieben eingeschriebenen Brief bekommen und kann also mit dem Dank für die ersehnten Nachrichten den für Deine gütige Fürsorge verbinden. Daß Du wieder zuhaus bist, wird Dir im Grunde lieb sein, trotz aller günstigen Eindrücke der Klinik. Ich fing schon an, für Dich zu empfinden, daß man auf die Dauer die Sache doch "reichlich über“ bekommt. Jetzt, wo das Sitzen im Freien aufhört, hat ja auch der Klinikgarten keinen Vorzug mehr. Möge es Dir nun glücken, Deinen Tageslauf wirklich nach Wunsch
[2]
| einzurichten. Hoffentlich empfindest Du auch das heute einsetzende klare Herbstwetter wohltuend. Bei mir hat sich entschieden eine stärkere Lebensenergie entwickelt. Bei Dir wird gewiß auch nach der gründlichen diagnostischen "Mißhandlung" auch ein gewisser Heilerfolg fühlbar werden. Ich bemerke wenigstens einen günstigen Einfluß auf Deine Schrift. In wieweit man dadurch lernt, seine Gesamtlebensführung dem entscheidenden Lebenszweck anzupassen, ist vielleicht der eigentliche Sinn dieser Klinikepoche, die ein so fühlbarer Einschnitt war. Wie schwer das im täglichen Leben ist, wenn nicht eine Erkrankung den Anstoß gibt, siehst Du ja an dem so sprühend kraft
[3]
|vollen Albert Schweitzer. Laß es Dir eine Warnung sein, den rechten Weg zwischen übertriebener Gewissenhaftigkeit und persönlicher Schonung zu finden. —
Deine liebe Besorgnis um einen Heizkörper für mein Zimmer hat meinen Eifer für die Sache wesentlich bestärkt. Es handelt sich da aber nicht nur um meine Absichten, sondern auch um die Einwilligung der Schwester Maria, die bei jeder etwaigen Neuerung stutzt. Auch die beständige Betonung der baldigen Übersiedelung in den Neubau, für den jetzt der Grund ausgehoben ist, erleichtert nicht das Verhandeln mit ihr. – Aber ich hoffe doch, den Kauf bald möglichst zweckmäßig zu erledigen. Geld genug habe ich immer durch Deine Güte und einen kleinen Sparrest.
[4]
| Gestern war ein sehr lebhafter Tag. Ich hatte eine Zuschrift von der Stadt? wegen der Unterhaltshilfe; eine Aufbesserung: wegen körperlicher und geistiger Gebrechen! Das wollte ich nicht ohne fachlichen Rat unterzeichnen, und beabsichtigte Frl. Dr. Cl. zu fragen. – Vormittagsx [li. Rand] x besorgte ich zunächst den Schein für die Krankenkasse und dann wollte ich bei Frau Franz zum Geburtstag gratulieren. Beim Weg an die Elektrische kommt mir pötzlich Ursel Kohler (jetzt Frau Platt) mit ihrem Thomas entgegen, und das gab einen sehr hübschen Besuch bei mir bis zum Essen. – Nach Tisch ging ich bald zur Sprechstunde, wo ich als Erste eintraf und zunächst ungestörte Mittagsruhe hielt und später aufs gründlichste unter die Lupe genommen wurde. Frl. Dr. sagte sofort daß ich auf alle Fälle unterschreiben solle,
[5]
| wenn die Sache von Vorteil wäre, die "Gebrechen" wären das Alter, das mir kein Alleinwirtschaften mehr gestatte. Zwischen ½ 5 und 5 war ich dort fertig und fuhr nun doch noch zu Frau Franz, wo ich an einem kleinen Familienkaffee teilnehmen mußte. Um 18½ war ich zu Haus und nach dem Abendbrot ging ich todmüde zu Bett. Gebrechen keine neuen, Blutdruck angemessen 200°. Meiner Ansicht nach reicht er nicht mehr ganz für den Kopf!!
Heute freue ich mich nun vom Fenster aus an der Sonne und vor allem an Deinem lieben Brief, der erst heut in meine Hände kam, weil der Postbote immer während meiner Abwesenheit hier war. – Was Du von der noch nicht merkbaren Besserung schreibst, ist bei der Kürze der Behandlung wohl
[6]
| natürlich; mich beschäftigt auch immer die Frage besonders, ob man Dir zur Schonung irgend welche Verordnungen gemacht hat? Was die therapeutischen betrifft, so ist da wohl schwer etwas dauernd Sicheres zu gewinnen, weil dabei leicht unerwartete Nebenwirkungen erscheinen.
Heut Nachmittag werde ich bei Rösel Hecht 66sten Geburtstag feiern, und die Großmutter von dem allerliebsten Kind treffen, das gestern bei mir war: Gertrud Kohler. Vielleicht verabreden wir da eine passende Zeit für den Plan eines Wochenendbesuches von mir –  – da, mitten hinein klopft die Schwester: "Sie habe Besuch" und Gertrud Kohler tritt ein –  –  – sie geht weiter zur Rösel und ich will noch ein wenig ruhen, um für den Besuch, dem ich nachfolgen will, auch möglichst frisch zu sein. – Das reizende
[7]
| Bild der 3 Kohlerschen Enkel will ich Dir doch gern mal mitschicken der Thomas ist gerade so unternehmend, wie er sich auf dem Bild zeigt, aber nicht unfolgsam, wenigstens bei Besuch!
Im Bericht von meinem Tagesablauf vergaß ich zu erwähnen, daß ich heut früh, ganz unerhört früh [li. Rand] bei dem Herrn Verwalter der Stadtmission Herrn Rentsch fragte, ob es ratsam sei, die Schrift zu unterzeichnen und er riet entschieden dazu. Also ist es nötig, jetzt eine kleine Pause zu machen.
Ich grüße Dich stündlich mit innigen Wünschen und grüße auch Susanne, die gewiß auch in diesen Tagen besonders mit der Schwester fühlt. Auch Ida wird sich mitfreuen, daß Du daheim bist!
Immer
Deine
Käthe.