Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 30. Oktober 1955 (Heidelberg)


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Heidelberg. 30. Okt. 1955.
Mein geliebter Freund!
Dein lieber Brief war mir eine große Freude, denn offenbar ist Dir das Aussetzen der Behandlung ganz gut bekommen. So hoffe ich, wird man Dich auch weiter mit dieser großen Strapaze verschonen. Vielleicht war gerade die Chokwirkung das Heilsame und Deine Beschwerden sind teilweise nervöser Art. Das wäre bei Deiner großen Sensibilität ja sehr begreiflich. Jedenfalls finde ich es herrlich, wenn Du zeitweise frei von Behinderung bist, und also vermeiden kannst, die Arbeit bei beginnender Ermüdung zu forcieren. Hat Dir eigentlich Harms das von Bähr's empfohlene Mittel
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| auch verordnet? Du schriebst von Tabletten bei der ambulanten Behandlung. Am wenigsten erwünscht scheint mir das Korrekturenlesen! Darin warst Du stets besonders sorgsam. – Daß Du mit Susannes Hilfe die 300 Seiten "Beck" bezwungen hast, war mir auch eine frohe Nachricht. – Daß man sich ans Vorlesen erst gewöhnen muß, weiß ich gut. Es ist eine andre Art den Inhalt aufzunehmen, und man muß es üben, wie bei der Hausmusik!
Bei Deinem Vergleich der Neubauten in der Böhmschen Schule und dem hiesigen Heim mußte ich laut auflachen. Da ist so ungefähr alles umgekehrt, denn die Sache damals war dringend notwendig und hier ist sie mir unerwünscht. Und daraus habe ich auch am Mittwoch bei der Andacht kein
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| Hehl gemacht: Ich würde mich abfinden müssen, aber man könne nicht verlangen, daß ich mich freuen soll! – Im übrigen war die Ansprache des Missionars wieder recht anregend. – Sie sollen nur nicht immerfort von dem Neubau reden und einem schon hier den Boden unsicher machen. Das Leben ist doch in der Gegenwart schon unsicher genug. —
Welch ein wunderbares Glück ist es eine ganz unbedingte Sicherheit im Herzen zu haben! —  —
Die Zeit meiner Unruhe und Besuche ist vorbei, aber ein Vertreiben von Langeweile war nicht nötig, vielmehr reicht die Zeit nie für das, was ich tun sollte. Das kommt aber nicht, weil sie von Arbeit ausgefüllt wäre, sondern weil ich oft nicht fähig bin, mich zur Tätigkeit aufzuraffen. Dann sitze ich am liebsten lesend in meinem Lehnstuhl. – So greife ich jeden
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| Morgen nach der Zeitung und suche die Heimkehrerliste! Jetzt schon viele Tage vergeblich. Und daneben liegen so viel flickbedürftige Sachen.
– Abends gegen 20h. Nun hatte ich gern den Brief noch vor dem Abendbrot an die Post bringen wollen, da tut sich meine Tür auf und herein kommt Dr. Drechsler mit seiner sympathischen Frau und der alten Familienfreundin Frau Lang. Sie blieben wohl ziemlich ¾ Stunde und es war sehr nett. Sie brachten mir vier sehr schöne Chrysanthemen mit, die sich in meiner bescheidenen Klause sehr üppig machen, und auch ausdrückliche Grüße von Trudel Schröder, die sich so schweigend von mir absentiert hatte. Es ist mir doch lieb, daß ich nun damit wieder anknüpfen kann.
Und draußen ist nun also wirklich Frost in der Nacht und das Wasser im Blumenuntersatz für die Vögel zum Trinken war fest gefroren. Die Heizofen-Affäre ist gelöst.
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| Weil die Schwester mit Rentsch selbst reden wollte, es aber auf Anfrage immer "vergessen" hatte, ging ich selbst zu ihm und er sagte mir auf die Besprechung hin und meine Erklärung eine entsprechende Summe für Strom zahlen zu wollen: Also kaufen Sie einen Ofen. – Also ich habe ihn erstanden für 22,50 M. – aber brennen werde ich ihn erst von November ab, denn vorläufig ist die Heizung gut und das Zimmer bleibt über Nacht noch angewärmt. – Als Schwester M. hörte, daß ich beim Herrn R. Zustimmung gefunden hatte, war sie verstimmt, und bei offner Küchentür erzählte sie der Frau Henni mit lauter Stimme, ihr habe er es abgelehnt. Aber mit mir hat sie vorläufig Frieden. Du siehst also, auch hier erfordert das Verhandeln Diplomatie!
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| Daß Hermann den Umzug in die eigne Wohnung vor Weihnachten nicht mehr erwartet, schrieb ich wohl schon. Ich machte mir Gedanken, wie er die Sache durchhalten werde, nachdem er im September 2 Wochen an einer "leichten Lungenentzündung" krank lag. Da bekomme ich gestern von ihm eine Karte aus: Nürnberg, wo er bei Freunden (Familie Kreiner) zu Besuch war! Demnach war die Krankheit "leichter", als Andenauer's.
Meine Wünsche für Dein Befinden fliegen stündlich zu Dir, und Du wirst lachen auch umgekehrt scheint ein Leitungsdraht zu bestehen, denn schon ehe Dein Brief kam, hatte ich beschlossen, mal wieder Knoblauchpillen zu nehmen! Aber erst muß das Buccosperin von Frl. Dr. Clauß alle sein, denn ich pumpe nicht gern viel Durcheinander in den einen Magen!
Nun aber nur noch viele herzliche Grüße für alle Drei und Dir die innigsten Wünsche von

<li. Rand>
Deiner Käthe.